Die wirtschaftliche Entwicklung seit Kriegsende

     

    Auch nach dem zweiten Weltkrieg hatte die Zeche Ewald-Fortsetzung noch einige Jahrzehnte für das Wohlergehen unserer Stadt große Bedeutung. Bis zum Jahre 1953 erreichte die Mitarbeiterzahl den Höchststand von 5.566 Beschäftigten. Der Bergbau war nach wie vor der dominierende Faktor in unserer Stadt. Wie gefährlich diese industrielle Monostruktur sein konnte, haben wir in den Jahren 1931 bis 1938 erlebt.

    Nach der ersten wirtschaftlichen Erholung nach Kriegsende kam der Bergbau wieder in Schwierigkeiten; zunächst unter anderem durch das auf den Markt vordringende preiswertere Öl und Gas und später durch den um rd. 2/3 niedriger liegenden Weltmarktpreis für Importkohle. Der Bergbau konnte unter diesen Umständen nur durch sehr hohe staatliche Subventionen, die mit der Versorgungssicherung begründet wurden, am Leben gehalten werden. So war der Bergbau fortan immer wieder zu Rationalisierungsmaßnahmen gezwungen. Viele unrentable Zechen und Betriebsteile wurden geschlossen. Dieses ging auch nicht spurlos an unserer Schachtanlage vorüber. Im Laufe der Jahre mussten immer wieder Arbeitsplätze abgebaut werden. Die durchaus betriebs- und volkswirtschaftlich begründbare Rückführung des heimischen Bergbaues wird für unsere Schachtanlage deutlich an folgenden Fakten:

    Ab 1977 wurde die im heimischen Grubenfeld gewonnene Kohle nicht mehr in Oer-Erkenschwick, sondern durch einen fördertechnischen Verbund mit der benachbarten Schachtanlage Blumenthal in Recklinghausen zutage gefördert. Im Jahre 1984 erfolgte die Stilllegung der heimischen Kokerei. 1985 wurde das Zechenkraftwerk, welches damals schon zum Steag - Konzern gehörte, geschlossen.

    Wahrscheinlich war es lediglich der Lage unserer heimischen Schachtanlage zu verdanken, dass sie bis dahin noch keinem Schließungsbeschluss zum Opfer gefallen war, denn die Ruhrkohle AG, zu der seit deren Gründung auch Ewald-Fortsetzung gehörte, hatte auf die Nordwanderung des Bergbaues gesetzt. So wurde zunächst mit dem Abbau des Kohlefeldes unter der Haard begonnen. Außerdem war geplant, dass bei weiterer Nordwanderung des Bergbaues in die Olfener Felder der Kohleabbau dort umweltschonend, d. h. ohne neue Förderanlagen vonstatten gehen sollte. Die Kohle sollte Untertage zu den Schächten 4/5 von Ewald-Fortsetzung transportiert und dort gefördert werden. Oer-Erkenschwick sollte dann erneut Kohleförder- und -aufbereitungsstandort werden.

    Jedoch traf schon die nächste Rationalisierungswelle im Jahre 1992 unsere Schachtanlage besonders hart. Die heimische Schachtanlage verlor ihre Eigenständigkeit und wurde mit der benachbarten Schachtanlage Blumenthal zusammengeführt, bei gleichzeitiger Einstellung aller bergbaulichen Aktivitäten Übertage im Stadtgebiet von Oer-Erkenschwick. Damit war Oer-Erkenschwick nach fast 100 Jahren quasi keine Bergbaustadt mehr und eine lange Tradition ging zu Ende.

    In der Folgezeit geriet der Bergbau noch weiter unter Druck, denn starke politische Kräfte forderten, die hohe Subventionierung zurückzufahren. Die  "Kohlerunde" im Jahre 1997, auf der eine weitere drastische Reduzierung der Subventionen beschlossen wurde, zwang nun den Bergbau, weitere Schachtanlagen zu schließen.

    So wurde auch die für Oer-Erkenschwick wichtige Entscheidung getroffen, das Abbaufeld unter der Haard stillzulegen und den 1983 für die Material- und Personenbeförderung errichteten Schacht zu konservieren. Damit sind alle Hoffnungen für Oer-Erkenschwick auf die weitere Nordwanderung des Bergbaues zunächst in weite Ferne gerückt.

     Obwohl alles sehr schmerzlich für die Menschen und für unsere Stadt war, viel die neuerliche Schließung der Schachtanlage weitaus weniger dramatisch ins Gewicht als 1931. Zum einen vollzog sich der Rückzug des Bergbaus über einen langen Zeitraum und für die abkehrenden Mitarbeiter gab es keine Not, da viele sozialverträglich sehr früh in den Ruhestand gehen konnten. Zum anderen ist aber viel wichtiger die Tatsache, dass man politisch seit Beginn der 70iger Jahre verstärkt darum bemüht war, andere Industrien anzusiedeln, um so von dieser gefährlichen industriellen Monostruktur durch die Schaffung anderer Arbeitsplätze loszukommen.

    Anzahl der Beschäftigten in Oer-Erkenschwick

     

    1976 1)

    1998 2)

    Im Bergbau

    2 000

    0

    Übrige

    4 295

    5 295

    Gesamt

    6 295

    5 295

    Quelle: 1) Chronik der Stadt Oer-Erkenschwick 2) Stadt Oer-Erkenschwick (Stand 4.1998)

    So waren 1976 von den 6 295 gezählten versicherungspflichtig Beschäftigten bereits 4 295 im Handwerk, Handel, Gewerbe, in der Dienstleistung, und Industrie tätig. Bis zum Jahre 1998 erhöhte sich diese Anzahl auf 5 295. In der gleichen Zeit verringerte sich jedoch die Zahl der Beschäftigten im Bergbau um 2000 Mitarbeiter auf Null. Hieran wird deutlich, dass der Strukturwandel in unserer Stadt noch lange nicht geschafft ist und die im Bergbau verloren Arbeitsplätze noch nicht durch die Hinzugewinnung neuer Arbeitsplätze ausgeglichen werden konnten.
     
     
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