Unsere Kindheit am Stimberg

  

Fische fangen mit dem Einweckglas
von Hans Dieter Baroth

Fische im EinweckglasZum Fischfang wurde ein leeres Einmachglas unter den Arm geklemmt. Der Weg zur Fangstelle verlief über die Zechenbahn, über Schwelle und Schwelle marschierten die Blagen an Oer vorbei bis an den Rand von Speckhorn zum Silvertbach. Dessen Wasser wieselte anmutig und sauber durch eine Wiese, verbreitete sich hinter einer schmalen Brücke, danach füllte er einen unzugänglichen Teich einer ehemaligen Mühle. Von den heimischen Bächen wie Wester- und Gernebach war der Silvertbach hinter Oer gesegnet mit schnell schwimmenden Stichlingen. Wir nannten ihn Silberbach. Das Wasser war auffällig klar, an den warmen Tagen des Sommers badeten die Ankömmlinge aus der Kolonie erst einmal in dem frischen kalten Nass. Getrocknet wurde die Haut von der Sonne, Badetücher waren unbekannt. Hiernach wurden Stichlinge gefangen. Ein Einweckglas legten wir auf den hellen Boden des Silvertbaches, wenige Meter weiter sprangen einige Burschen in das Wasser, die Fische flüchteten - in das Einmachglas. Ein kundiger Griff, das Glas wurde blitzschnell nach oben gezogen, schon waren einige gefangen. Die Beute wurde aufgeteilt, jeder bekam einige Stichlinge in sein mit Wasser gefülltes Glas, dann wurde mit der selben Methode erneut gefangen. Stichlinge sind schöne Fische - silbern wie kleine Heringe.

Zurück wanderten wir über die Schwellen der Zechenbahn. Stolz wie Indianer einen Skalp trugen wir die mit Wasser und Fischen gefüllten Einweckgläser in die Kolonie. Wer hatte damals ein Aquarium? Hinter jedem Haus befand sich in einem separaten Gebäude nicht nur der Stall pro Wohnung, auch eine gemeinsame Waschküche. In die klobigen hölzernen Waschmaschinen wurde Wasser eingelassen, nach Meinung der Blagen hatten darin die Stichlinge viel Platz. Diese unübliche Verwendung einer Waschmaschine wurde hinter dem Rücken ahnungsloser Mütter vollzogen. Dass diese Fische Futter brauchten, wussten wir nicht. Darüber haben wir auch nicht nachgedacht. Einige Tage hielten es die aus Oer in die Kolonie transportierten Stichlinge aus. Warum einige in Einweckgläsern auf der Fensterbank länger lebten, konnten wir nicht ermitteln. An den Samstagen kamen die Väter mit ihrem Grubenzeug nach Hause. Es war dann Waschtag. Mit einer bedrückenden Erbarmungslosigkeit ließen die Mütter das Wasser aus der Maschine in den Abfluss laufen. Das war das Ende der Tiere aus dem Silvertbach. Am Montag trippelten wir wieder nach Speckhorn... Über eine Woche brachte keiner von uns seine selbst gefangenen Fische.

Nur Goldfische lebten länger. Aber die waren gekauft, nicht gefangen worden.

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