Unsere Kindheit am Stimberg

 

Reichstrainer Vati Bach mit dem Rohrstock
von Hans Dieter Baroth
Wer sich am Ort an den Reichstrainer Walter Bach erinnert, macht als Reflex eine Schlagbewegung wie mit einem unsichtbaren Stock. Walter Bach wurde von uns Kindern und den Erwachsenen Vati Bach genannt. Aber nur in seiner Abwesenheit, ansonsten war für uns Vati Bach der Herr Bach. Er war ein berühmter Mann aus Oer-Erkenschwick - Reichstrainer für die Kunst- und Turmspringer und Leiter des Hallenbades. Das nannten wir aber Badeanstalt. Walter Bach war ein dicklicher, sehr gedrungener Mann mit einer ebenfalls fülligen Ehefrau, respektlos die alte Bach genannt. Er regierte mit straffer Hand und einem Rohrstock darin das Hallenbad. Auf das wir am Ort deshalb stolz waren, weil die Recklinghäuser keines hatten und selbst aus Brambauer Menschen kamen, um hier zu schwimmen. War Einlass für das Schwimmen in der Badeanstalt, bekam der letzte Besucher jeweils einen Schlag mit dem Rohrstock in den Bereich seines Oberschenkels. Vati Bachs Augen wurden durch die Brillengläser verkleinert, deshalb hatte er einen kalten Blick. Das Wasser war oft zu kalt. Er bestritt das. Wer widersprach, bekam eine Belehrung mit dem Rohrstock. Duschte jemand wegen des kalten Schwimmwassers zuHallenbad lang warm, schon erfolgte die Vertreibung aus dem Duschraum mit dem Rohrstock. War die Badezeit beendet, pfiff der dicke Vati Bach am Beckenrand stehend, der Letzte von uns spürte den Rohrstock. Er schlug nie fest zu, aber zu spüren waren seine Aktivitäten. Seine Frau war mit uns nachsichtiger. Aber er dominierte. Sie konnte keinen Schlag mit dem Rohrstock verhindern. Der Reichstrainer roch aus seiner weißen Bademeisterkleidung intensiv nach kaltem Zigarettenrauch. Wir Kinder zogen uns um auf den Rängen oben. Die Kleider wurden auf eine Bank gelegt. Beim Wechsel von der Unterhose in die Badehose schützte ein Handtuch vor Blicken von der anderen Seite. Die Mädchen mussten auf die linke Seite, die Jungen auf die rechte. Vati Bach stand mit dem Rohrstock als tief atmende Begrenzung dazwischen. Die Unerfahrenen wussten nicht warum. Oben auf den Rängen war es billiger. Günter Pelz sprang einmal von diesem Rang nach unten ins Wasser. Vati Bach setzte einige Schläge mit dem Rohrstock und erteilte Günter Pelz zwei Wochen Badeverbot. Vati Bach wachte mit Argusaugen, dass die Verbannung eingehalten wurde. Günter Pelz wurde später Betriebsrat auf Ewald-Fortsetzung. Auf dem Grabstein der Bachs stand der Titel Reichstrainer. Im Frühjahr 2001 wurde das Grab von Vati Bach und seiner Frau eingeebnet.

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