Unsere Kindheit am Stimberg

 

Des Morgens wenn der Korte kam
von Hans Dieter Baroth

Erst gingen die Männer zur Morgenschicht. Es folgten die älteren Kinder auf dem Weg zur Schule. Hiernach war etwas Ruhe zwischen den Koloniehäusern, dann kam morgens der Korte. Drei Mal hielt er mit seinem Pferd und Milchwagen auf unsererSo ähnlich fuhr auch der Korte seine Milch aus Straße, oben, in der Mitte und im unteren Drittel, immer an der selben Stelle. Des Kortes Beruf wurde Milchbauer genannt. Er kam aus Oer, verkaufte auf verschiedenen Straßen Milch nach einer seit Jahren festgelegten Strecke. Von der Hochstraße bog er oben bei uns ein, dann war es gegen neun Uhr. In dem geschlossenen Pferdewagen stand ein silbrig glänzender Behälter voller kalter Milch. Die Hausfrauen und kleineren Kinder kamen mit blechernen Kannen, die er nach Zuruf mit einem halben oder einen ganzen Liter füllte. Die Milch floss aus einem Hahn wie das Bier an der Theke. Den Korte riefen die Frauen nur Korte, nie sagte eine zu ihm Herr Korte. Des Milchbauern jeweiliger Standort auf der Straße war gleichzeitig beliebter Umschlagplatz für Neuigkeiten oder zur Verbreitung von Gerüchten. Ein Nachbarjunge wurde zum Helden, weil er einen Liter bestellt hatte, als die Milch in seine Kanne floss, fiel ihm ein, dass er nur die Hälfte kaufen sollte, er riss sein Gefäß zurück, die feine weiße Milch spritzte auf die Straße. Einmal lag in der Frühe vor des Kortes Pferdewagen ein toter Igel. Die Stacheln zeigten nach oben, der Milchbauer drehte ihn mit dem Fuß auf den Rücken, wir sahen ein wie lächelnd da liegendes Tier. Ein anderes Mal wand sich ein Köter auf dem Pflaster der Straße in Krämpfen, weil er die Staupe hatte. Der Korte war ein fröhlicher Mensch, sein Gaul schien stoisch. Der technische Fortschritt verdrängte das Tier. Unser Milchbauer schaffte sich ein Auto an, ein Dreirad, nun kam er früher. So manches Kind machte die erste Autofahrt seines Lebens in Kortes Wagen, auch wenn es durch die Windschutzscheibe nur den Himmel sehen konnte. Die Sitzbank lag tief. Einige Jahre noch verkaufte der Korte Milch aus seinem Auto, dann wurde aus so genannten hygienischen Gründen der freie Verkauf von Milch untersagt. Verkauft wurde aus Läden. Der Korte unterhielt noch einige Jahre einen Laden in der Knappenstraße. Mit dem Korte verschwand auch ein Stück des nachbarschaftlichen Lebens aus der Kolonie. Am Ende der von Waldhausen-Straße gab es noch ein Milchgeschäft. Es wurde betrieben von der Familie Nötzold. Sohn Dieter Nötzold, in der Regionalliga Keeper bei der Spielvereinigung, wurde als Milchbauer nur Sahne gerufen. Und er hörte darauf. Einige wussten gar nicht, dass Sahne Nötzold Dieter hieß.

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