Unsere Kindheit am Stimberg

 

Als bei Böttcher noch getrunken wurde
von Hans Dieter Baroth

Gaststätte BöttcherAn den Sommertagen waren Märsche zu hören. Sie klangen über den Hünenplatz bis in die Kolonie in Richtung Waldfriedhof, sogar die damals wenigen Bewohner an der Weidenstraße genossen unfreiwillig dieses Konzert. Die Bergwerkskapelle von Ewald-Fortsetzung übte bei geöffneten Fenstern an den Abenden in einem Raum der Gaststätte Böttcher. Nach dem Abendessen kamen die Musikanten, die Pauke vor dem Bauch, die Klarinette in der Hand oder die Trompete unter dem Arm geklemmt zu Böttcher. Im damals einzigen Kino der Stadt lief der Abendfilm. Bei ruhigeren Szenen drang die Musik bis ins Kino. Es war das wöchentliche Ritual in unserer Stadt, in der noch nicht das Fernsehen die Menschen in den Wohnungen hielt. Wer es weit gebracht hatte, besaß einen Zehnplattenspieler.

Der Gastraum von Böttcher war saalartig groß. Wer an der Theke stand oder an einem Tisch saß bekam sein Konzert gratis zum Bier.

Die Bergwerkskapelle belegte ein breites Spektrum unseres örtlichen Lebens, vomSonntagskonzert auf dem Hünenplatz Schützenfest bis zur Trauerfeier prägte sie das Bild. War ein Kumpel tödlich verunglückt, zogen sie von der Leichenhalle am Pütt gelegen mit schwarzen Wedeln auf den Tchakos im Trauerzug durch die Stadt bis zum Waldfriedhof. Gespielt wurden auf der Strecke wehmütige Trauermärsche, am Grab dann das obligatorische Glück auf, auch "Ich hatt einen Kameraden". Wenn die Familienmitglieder noch Abschied am Grab nahmen, waren bis dort die Kommandorufe vor dem Friedhof zu hören: Die Bergwerkskapelle baute sich auf für den Rückmarsch. Und dabei spielte sie zwischen Waldfriedhof und Böttcher nur zackige Märsche nach der Devise: Das Leben geht weiter. Vor der Gaststätte wurde noch der Speichel aus den Blasinstrumenten zu Boden gelassen, hiernach folgte der ungeordnete Einmarsch bis zur Theke. Der frühere Gastwirt Böttcher war ein national gesinnter Mann. In den Feldern vor Flögels Hof jagte er mit Ärzten und führenden Herren des Pütts Rebhühner. Nach seinem Tod wussten die Musikanten durchaus, wie sie kostenlos zur ersten Runde kamen: Sie spielten in der Gaststätte Böttcher seinen Lieblingsmarsch, und tränenreich spendierte die Witwe hinter dem Tresen stehend für jeden von der Kapelle ein Bier. Es wurde noch zwischen Export-Bier und Pils unterschieden. Pils war teurer. Wer bei Böttcher saß oder an der Theke stand, erlebte die Musikanten am Abend nach Trauerfeiern besonders ausgelassen. Eine Tochter der Frau Böttcher verkaufte für das Kino die Eintrittskarten, die andere, beide der Mutter sehr ähnlich, war Platzanweiserin.

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