Unsere Kindheit am Stimberg  

 

Willi Berkemeier hat nur ein Spiel nicht gesehen
von Hans Dieter Baroth

Tochter Helga erinnert sich an ihren Vater Willi Berkemeier, dass er sehr sorgfältig Hartgeld zählte, dies dann rollte zu Geldstangen. In ihrer Kinderzeit war er rechts: Willi Berkemeier Kassierer bei der Spielvereinigung. Willi Berkemeier (1904 -1984) von der Hochstraße war ein fußballerisches Original. Die ihn noch kannten, beschreiben ihn als einarmig nach einem schweren Unfall 1956 unter Tage auf der Zeche und stets habe "der Willi" einen Zigarillo im Mund gehabt. "Die war meist kalt", weiß Tochter Helga. Willi Berkemeier konnte mit dem erkalteten Stumpen zwischen seinen Lippen reden, ohne dass der zu Boden fiel, selbst bei einem Torjubel verlor er den Zigarillo nur auffällig selten. Der gestandene Fan war 65 Jahre Mitglied im Verein. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Willi Berkemeier 1919 mit 15 Jahren bei dem Club eingetragen. "Damals war der Platz noch an der Buschstraße". Dort kickten zwischen den Gärten einst die Schwarzroten. Auf sehr vergilbten Fotos ist Willi Berkemeier noch zu sehen. Er wohnte, wenn sich Zeitgenossen an ihn erinnern, "immer" in der Hochstraße. Stunden vor dem Anpfiff schon ließ er Frau und Kind zurück und marschierte über die Engelbertstraße ins Stadion. Dort saß er dann in einem hölzernen Kassenhäuschen und verkaufte Eintrittskarten. Trotz einer Behinderung, der linke Arm war leicht verkürzt, arbeitete er bis zu seinem tragischen Unfall unter Tage. Er wurde nur noch Zuschauer. An den ersten Trainingstagen stand er sachkundig an der Barriere des Platzes und gab seine Kommentare. Wenn er seine Gesprächspartner mit hellblauen Augen ansah, seinen Zigarillo im Mund behielt und verkündete, in dieser Saison hätten "die es schwer", dann war das eine Bank. Er irrte sich selten. Willi Berkemeier war bis zu seinem Tod genau 65 Jahre Mitglied. Er behauptete, seit 1919 in seinem Leben nur ein Spiel versäumt zu haben. Und das nicht freiwillig. Es war im Juni 1947 am Tage der Erstkommunion seiner Tochter Helga. Da hatten Frau und Tochter sich gegen den Verein durchgesetzt. Es war, wie Willi Berkemeier seine vermeintliche Schmach milderte, ein Freundschaftsspiel gegen Arminia Hannover - und "das haben die 0:1 verloren". Als sein Club in der Zweiten Bundesliga Nord spielte, begleiteten die Schwarzroten 1974 nur drei Fans zu einem Spiel in Berlin. Einer von ihnen war Willi Berkemeier. Er stand im Stimberg-Stadion immer auf der Gegengeraden. Zusammengerechnet wohl Jahre seines langen Lebens. Trainingsbeobachtung eingerechnet.

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