Unsere Kindheit am Stimberg

 

Ein Kohleofen mitten im Theatersaal
von Hans Dieter Baroth

Gaststätte KauschVom Fernsehen wurden die Menschen noch nicht unterhalten. So unterhielten die Bewohner im Ort andere mit Laienaufführungen. Selbst an Operetten wagten sie sich heran. Höhepunkte des gesellschaftlichen Lebens waren Aufführungen im Saale des Wirtes Hermann Kausch oder bei Heinrich Vatteroth am Hünenplatz. Wenn Willi Kespe und seine spätere Frau Marlies Ring im "Schwarzwaldmädel" von der Bühne des Hermann Kausch sangen, redeten die Menschen noch lange darüber. Fred Schmitz vom Kiesenfeldweg leitete die erfolgreichste Laienspielgruppe. Peter Schuch, ebenfalls vom Kiesenfeldweg, war Regisseur und Einpeitscher der Laienspielschar der örtlichen Gewerkschaftsjugend. Auch die spielte meist bei Kausch. Vornehmlich bei Weihnachtsfeiern des Bergwerks für die Auszubildenden. Die Kapelle saß rechts von der Bühne und spielte halbfromme Weisen. Der Ausbildungschef Obersteiger In der Wiesche hielt vor derDie Spielgruppe angestrahlten Bühne stehend seine Ansprache. Spötter sagten, er kam übergangslos vom Jesuskind auf die Kohlenkrise in Deutschland zu sprechen. Für die reibungslose Technik, Scheinwerfer einstellen, Glockengeräusche oder künstlichen Wind zu imitieren, bewies sich Erwin Klein als zuverlässiger Könner. Einmal musste Gerd Beck von der Stimbergstraße ein Gedicht aufsagen mit dem Titel "Weihnachten im Ruhrgebiet", von "unserem Betriebsratsvorsitzenden Otto Wolber". Es war kitschig. Von Erwin Kleins Scheinwerfer geblendet fand Gerd Beck auf der Bühne zunächst nicht mehr den Weg zurück hinter den Vorhang; dafür bekam er unfreiwillig von den johlenden Berglehrlingen viel Beifall. In der Mitte des Saales stand ein riesiger Kohleofen. Dessen Kaminrohre führten zur Saaldecke, dann durch das Oberlicht eines Fensters nach draußen. Oft während eines frommen Weihnachtsstücks, das auf der Bühne geboten wurde, öffnete Hermann Kausch lautstark die Ofenklappe und übertönte die Laienspieler mit dem polternden Geräusch der Kohlebrocken, die er in den feurigen Schlund des Ofen schippte. Niemand tadelte ihn deshalb. Hermann Kausch löste bei den jungen Burschen Angst aus. Wegen des Ofens spielten einige Gruppen lieber im Frühjahr oder Sommer. An die ernsten Veranstaltungen erinnern sich viele amüsiert. Denn Heinz (Hinneck) Mackrodt gelang es als heiterer Typ. jedes tragische Stück zu einer Komödie umzugestalten. Zum Ärger von Peter Schuch. Oder sie erinnern sich an Gesänge von Willi Kespe und Heinz Lülf - und an den Kohleofen von Hermann Kausch. Kino und das Fernsehen lösten die Laienspieler dann ab.

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