Unsere Kindheit am Stimberg

 

Erkenschwicker starben nicht
von Hans Dieter Baroth

"Der ist schon lange beim König", sagten die Erwachsenen im Ort. Und das sollte heißen, der sei vor langer Zeit gestorben. "Den haben sie zum König gebracht" hieß, es sind erst wenige Tage seit der Beerdigung vergangen. Erkenschwicker starben nicht, die kamen zum König. So hieß der Friedhofsverwalter. Im Ort gab es den Einheitsbegriff Wärter - den Kauenwärter, ein Krankenpfleger wurdeFriehofskapelle auf dem Waldfriedhof Krankenwärter genannt, folglich hieß der Friedhofsverwalter König Friedhofswärter. Arnold Mlodzian, der in der Nähe des Waldfriedhofes wohnte, erinnert sich im fernen Toronto an diesen Mann für die letzte Reise: "Er war schon immer alt, ein ganz schmächtiger und kurzer Mann, eher ein großer Gartenzwerg oder ein Kobold". Die Toten wurden in jener Zeit zu Hause aufgebahrt. Auch wenn die Wohnung noch so klein war. Die Totenmesse wurde vorher in der Kirche gelesen. Der katholischen Beerdigung voran schritten drei Messdiener mit dem Priester. Ein Messdiener trug das Kruzifix, die anderen beiden an je einer Stange Glasleuchter mit brennenden Kerzen darin. Der Mann, zu dem alle im Ort mal gebracht wurden, stand unter dem Bogen des Friedhofeinganges hinter den handgeschmiedeten Toren. Augenzeuge Arnold Mlodzian, der zu jener Zeit auch Messdiener war: "Der König trug immer einen Frack mit Schwalbenschwanz, schwarze Hose, weiße Handschuhe und auf dem Kopf einen beeindruckenden Zylinder, der auf ein Uhr stand." Das hieß halb schräg. War der Trauerzug angekommen, so der frühere Messdiener über die Begegnung: "Er drehte sich schweigend um und ging mit gemessenen Schritten vor dem Pfarrer Reckmann den Friedhof hinauf und brachte alle, wie ein Lotse, an die offene Grabstätte". Eine Trauerfeier in der so genannten Leichenhalle war in den vierziger und fünfziger Jahren eine Seltenheit. Und der Messbube von einst über den Friedhofsverwalter: "Ich kann mich nicht erinnern, den König jemals ohne diese schwarze Kluft gesehen zu haben." Er mied wohl Kneipen, der König hatte offensichtlich keine privaten Kontakte im Ort. Es erinnert sich auch keiner an seinen Vornamen. Sein Name war der Ersatz für den Tod. Wenn einer schwer krank war, dann hieß es drohend, "der ist auch bald beim König". Hämische Menschen drohten gar, "der König wartet schon". Es wurde erzählt, der König wohne in dem Eingangshaus zum Waldfriedhof. In den Räumen sahen wir nie ein Licht brennen. Die Toilette in dem Haus wurde jeweils von den Kindern dann nicht benutzt, wenn vorher Erwachsene drohten, "vielleicht ist der König darin und wartet auf dich".

_____

 

  (C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN