Unsere Kindheit am Stimberg

 

Ein "Herr" namens Fritz Hundrup
von Hans Dieter Baroth

Man solle zu einer bestimmten Zeit in der Gaststätte Hundrup sein, hieß oft die unheilvolle Meldung. Der Wirt schickte einen Nachbarjungen zu den Menschen in die Kolonie. Jemand wurde zu einer bestimmten Zeit angerufen von Verwandten aus anderen Orten. Telefonanschlüsse hatten die Menschen nicht. Die mit der Hand vermittelten Gespräche kamen zur angemeldeten Zeit. Meist waren es Todesnachrichten. Das Gebäude der Gaststätte Hundrup an der Stimbergstraße erhob sich wie großbürgerlich über die geduckt wirkenden grauen Einheitshäuser der Bergleute. Über den Gastwirt hieß es, der Fritz Hundrup sei "ein Herr". Sein Wesen war verhalten. Anders als der leutselige westfälische Wirt Heinrich Vatteroth oder der kumpelige Hermann Kausch. Warteten Gerufene bei Hundrup auf den befürchteten Anruf, redete der Wirt auffällig sanft mit seinen Gästen. Er war ein kleinerer Mann. Hinter seinem Ohr war eine tiefe verheilte Operationsnarbe zu sehen. Er servierte bei Andrang, seine dunkelhaarige schlanke, etwas höher als er gewachsene Gattin arbeitete hinter der Theke. Es hieß, das Pilz sei so gut gezapft, da könne ein Fünf-Mark-Stück auf die Krone gelegt werden, es versinke nicht, mit dem Trinken gleite das Geldstück im Schaum auf den Boden des Pilsglases. Zur gutbürgerlichen Gaststätte gehörte eine Kegelbahn. "Luwy" Linn verdiente als 12-Jähriger sein Taschengeld mit dem Aufstellen von Kegelfiguren. Walter Amberg von der Westerbachstraße jobbte als Kegeljunge für sein erstes Fahrrad. Es kostete 250 DM. Bei Hundrup ist es ihm gestohlen worden, als er es noch nicht einmal bezahlt hatte. An Sommertagen waren die rollenden Kegelkugeln auf der Holzbahn durch die geöffneten Fenster weit zu hören. Entlang der Stimbergstraße lag hinter einer Mauer ein Biergarten. Wer an sonnigen Sonntagen groß ausgehen wollte, ging zu dem "Herrn Hundrup" in den Garten zu einem Bier im Freien. So mancher sah sein erstes Fernsehprogramm bei Fritz Hundrup. Das Gerät stand in dem großen Gastsaal links oben auf einem Podest. Knüppelvoll war es bei Hundrup, als bei der Fußball-WM 1954 die schmachvolle 3:8-Niederlage gegen Ungarn schwarzweiß übertragen wurde. Heftig getrunken wurde Tage später während des Endspiels gegen den selben Gegner. Wer zu dieser Zeit geboren wurde, der schwärmte nicht mehr für Sepp Herberger, die Idole waren Jimi Hendrix und vor Ort Kalla Seidenkranz. Der "feine Herr" Hundrup muss in den sechziger Jahren die Gaststätte an andere übertragen haben. Mit seiner Frau betrachtete er aus dem Wohnungsfenster oben in dem Haus die früheren Kunden, wenn sie vom Einkauf kamen. Beide grüßten mit Kopfnicken herab, für ein Gespräch war die Entfernung zu weit. Und der Fritz Hundrup schrie bekanntlich nicht - als Herr.

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