Unsere Kindheit am Stimberg

 

Die "Teufelsknochen" in der Sandkuhle
von Hans Dieter Baroth

An der Buschstraße endete Erkenschwick in Richtung Oer. Nur an einer Seite waren Häuser gebaut. Es waren die typischen Koloniehäuser. Wer dort wohnte, schaute zunächst über wilde Wiesen, später legten sich die Bewohner aus der Umgebung dort Gärten an. Getrieben von der zunehmenden Not durch den Krieg. Die Entstehung der vielen Gärten muss der Besiedelung in den USA geglichen haben. Es wurden Parzellen abgesteckt, Zäune darum gebaut, zwischen den Gärten legten die Feierabendgärtner schmale Wege an, und die führten alle zu einer tiefen und weiträumigen Grube. In ihr wurde heller Sand gewonnen, offensichtlich für die Bauwirtschaft. Als so genannte Kröten blickten wir von dem Rand des riesigen Kraters nach unten auf die Arbeiter. Der gewonnene Sand wurde in Loren geladen, die wir Teckel nannten. An einer Seilwinde wurden die Fahrzeuge hoch gezogen bis zur Landstraße nach Oer. Gegenüber dem Bauern Heine. Dort befand sich ein stählernes Gerüst, das wir Kinder nicht von einem Förderturm unterscheiden konnten. In ihm befand sich oben in einem bauchigen stählernen Behälter der Sand, darunter fuhren Lastwagen, die damit beladen wurden. Auf der anderen Seite des riesigen Lochs waren einige Häuser von Oer zu sehen. Und wiederum dahinter lag ein Friedhof.

Zu später Zeit an den Nachmittagen zog die Ruhe in die Sandkuhle. Aber nur kurzfristig. Die Arbeiter hatten Feierabend, die Teckel waren festgezurrt und scheinbar gesichert. Es war die Zeit der Blagen. Mit einer faszinierenden Findigkeit gelang es den Jungen, die Teckel aus ihrer Verankerung zu bekommen, sie wurden benutzt zu den bejubelten verbotenen Fahrten von oben hinein in die Sandkuhle. Das war Kirmes gratis. Unten in der Sohle der Grube zweigte von den Gleisen eine Strecke ab, dies Weiche war das Ende der Fahrt. Gejohle und Gekreische waren der Applaus, wenn die Teckel entgleisten und die Mitfahrer in den Sand stürzten. Es geschah mit Zustimmung der Fahrenden, dass die Weiche vorher auch gut sichtbar falsch gestellt wurde. Die Landung im Sand war das Ziel. Auf dem Grund der Sandgrube stand an einigen Stellen Wasser. Darin befanden sich Frösche. Bis zu den Knien tief war es. Als ich auf glitschige Steine trat, sagte Gerda Wronka, das seien Teufelsknochen. Seit dem hatte ich Angst in der Sandkuhle. Täglich Angst hatten wir alle, weil nach mehreren spektakulären Talfahrten irgendein Aufpasser drohend da stand und uns verjagte. Bis zum nächsten Tag gewissermaßen...

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