Unsere Kindheit am Stimberg

 

Der traurige Ton des "dicken Antons"
von Hans Dieter Baroth


Die Christus-König KircheAus dem Umkleideraum der Messdiener wurden in der Kirche Christus König an langen Stricken gezogen die Glocken oben im Turm geläutet. Kunststück war das Angelusläuten, das Küster Hubert Thomann beherrschte. Ziehen an dem Hanfseil, drei Mal schlug die Glocke an, Pause, wieder drei Schläge, noch einmal, dann folgte das Läuten zum Gebet. Die größte Glocke im Turm hieß intern "dicker Anton" oder Totenglocke. Wenn deren tiefe dunklen Schläge zu hören waren, kam im Ort Beerdigungsstimmung auf. Ein Trauerzug kam aus den Wohnhäusern, am Marktplatz zwischen Becker und Corzillius wartete der Pfarrer. Dann saß unterhalb der Glocken im Gebälk ein Messdiener, der nach unten rief, es sei so weit, mühsam wurde mit dem Seil der "dicke Anton" in Schwingungen gesetzt. Das Gebälk hörte sich an, als seufze ein Mensch. Bum, bum, bum, so klang es tieftraurig über die Kolonie. Der Junge blieb im Ausguck. Er konnte von oben sehen, wann der Trauerzug den Friedhofseingang erreicht hatte. Von nun an galt es zu schätzen, wann er am Grab sei, denn das war durch die Bäume nicht zu sehen. Er rief wieder ein Signal nach unten, der "dicke Anton" wurde erneut zum Trauergeläut gebracht. Erfuhren die Messdiener danach, dass sie zum richtigen Zeitpunkt geläutet hatten, herrschte nach der Beerdigung Freude.Die Christus-König Kirche bei Nacht

Hinter der Christus-König-Kirche lagen in Richtung Stadtteil Rapen Felder bis an die Mauern des Pütts. Meist stand hier Korn. Wenn der Wind über die Ähren strich und sich die Pflanzen deshalb bewegten, war das ein romantischer Anblick. Selbst die Steinhalde störte nicht. Zu den Fronleichnamsprozessionen dieser Kirchengemeinde waren vier Altare aufgebaut. Einer bei Bitting im Ladeneingang. War die Prozession an einem Altar angelangt, wurden alle vier Glocken geläutet. Die anderen drei nahmen den "dicken Anton" dann die Traurigkeit. Das Geläut klang fröhlich. Wieder saß ein Messdiener im Ausguck unterhalb des Glockengestühls. Er sah die Frauen und Männer durch die Felder ziehen, blies der Wind, wehten die Fahnen nach hinten, die Menschen beugten sich nach vorn. Ähnlich dem Ausgucker in einem Segelschiff rief er nach unten, wann ein Altar erreicht war, jetzt zogen die Jungen an den langen Stricken. Hubert Thomann war stolz. Ein Lob des Pfarrers Reckmann war ihm sicher. Nur einmal erlebte ich ihn unchristlich wütend und aufbrausend. Während des Angelusläutens hatte einer eine zweite Glocke bewegt, die auch anschlug. Das wird außer ihm und dem Pfarrer niemand im Ort bemerkt haben.

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