Unsere Kindheit am Stimberg

 

Als die Nachbarn noch Panhas bekamen
von Hans Dieter Baroth

Einen Tag vor der Schlachtung wurde das Schwein im Stall hinter dem Koloniehaus nicht mehr gefüttert. Damit der Darm leer ist und für die Wurst besser verwendet werden kann, sagten die Erwachsenen. Als Schlachtfest Metzger oder Katzow wurde Opa Winkel bestellt, von dem es hieß, er habe den Beruf gelernt. Alle sagten zu ihm Opa Winkel und er hörte auch darauf. Geschlachtet wurde in der Frühe in der Waschküche, die zwischen den Ställen lag. Die Blagen durften nicht zusehen. Weil es verboten war dabei zu sein, war das Interesse besonders stark. Viele Kröten, wie die Blagen genannt wurden, schlichen aus dem Haus, näherten sich der Waschküche von hinten und schauten durch die Fenster zu. Männer trieben das laut quiekende Schwein aus dem warmen Stall über den Hof in die Waschküche mit dem Betonfußboden. Am linken hinteren Bein des Tieres war ein Strick festgezurrt, damit es nicht türmen konnte. Früher schlug der Opa Winkel unserem Hausschwein mit einem Holzhammer gegen die Stirn, es fiel bewusstlos auf den Betonboden und wurde dann mit einem Stich in den Hals getötet. Die Mutter oder eine hilfsbereite Nachbarin rührte das Blut mit einem Holzlöffel, das warm und dampfend in einen Eimer oder eine Schüssel lief. Bei Schlachtungen halfen grundsätzlich die Nachbarn. Später setzt Opa Winkel einen kurzes Gerät an die Stirn des Tieres, ein lauter Knall, der Bolzenschuss tötete das Schwein; abgestochen und Blut gerührt wurde wie vorher auch. Das Opfer wurde oft in eine Zinkwanne gelegt, dann gossen die Frauen heißes Wasser über das Schwein, Opa Winkel schabte die Haare ab, am Ende war die Haut des Tieres weiß wie bei einem extrem blonden Menschen. Von da an durften die Blagen zuschauen. Beim Ausnehmen der Innereien des Tieres warf Opa Winkel den Kröten die Blase zu, die sie auffingen, trockneten, aufbliesen und dann damit Fußball spielten. Noch in der Waschküche begannen die Frauen mit dem Verwursten, die Männer gönnten sich nach ihrer Tat einige Schnaps und Bier. Es war der Übergang von der Schlachtung zum Schlachtfest. Es gab frische Blutwurst, die Frauen rührten eine riesige Portion Panhas an, und jeder Nachbar im Haus bekam eine beachtliche Portion als kostenlose Gabe. Unabhängig davon, ob er geholfen hatte oder nicht. Auch beim Einkochen von Fleisch halfen die Nachbarinnen. Die Mettwürste und der Schinken hingen an Besenstielen im Schlafzimmer. Wenn die letzte luftgetrocknete Wurst gegessen wurde, war das nächste Tier "schlachtreif". Geschlachtet wurde im Spätherbst.

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