Unsere Kindheit am Stimberg

 

Die Gänsekolonie am Esseler Bruch
von Hans Dieter Baroth

Weil die Straße in den Esseler Bruch führte, hieß sie zunächst Bruchstraße. Später dann Lindenstraße. Gänsekolonie wurde das Gebiet um die 16 dunkelrot geklinkerten Bergmannshäuser im Ort genannt. Die Siedlung lag am Rande der damaligen Gemeinde. Unten im Tal endete die Bebauung an einem Bach zwischen den Wiesen im Esseler Bruch. Es wurden Gänse gehalten. Die schwammen in dem Wasser des Baches oder fraßen auf den Wiesen. Die Gänsehalter saßen an den warmen Tagen unten am Ende der Bruchstraße zusammen und unterhielten sich. Hilde Schuch vom Kiesenfeldweg verlebte dort ihre Kindheit und erinnert sich, dass die Gänsehalter meist über Fußball und ihre Arbeit redeten. Jenseits des Tales an der Bruchstraße sahen die Menschen über die Kuppe nur die Kirchturmspitze von Suderwich. Sehr nahe vorbei führte durch die Wiesen eine Seilbahn. Wie Giraffenhälse ragten die Masten in den Himmel. Ratternd an den Masten vorbei wurde über lange Seile in stählernen Behältern Kohle zwischen den Pütts von Erkenschwick und Suderwich transportiert. Hilde Schuchs Vater kletterte oft an einem Mast hoch, entleerte die Schlammkohle nach unten auf die Wiese und brachte sie dann der inzwischen verheirateten Tochter. In die Pfanne gehauen wurde niemand. Namen wie Jupp Watalla waren in der Gänsekolonie geläufig und fielen nicht etwa durch Fremdartigkeit auf.

Die Bruchstraße zweigte links ab von der damaligen Verbandsstraße Richtung Recklinghausen. Wenige Meter hinter der Gaststätte Kausch und der einzigen Tankstelle im Ort. Wie Eingangstore zur Bruchstraße wirkten zwei Geschäfte. Der Lebensmittelhändler Hauch und Metzger Imenkamp lebten von den Kumpeln und ihren Familien. Rechts und links hinter den geduckten Häusern begann hinter Hecken gewissermaßen die noch unbebaute Landschaft mit Feldern der Esseler Bauern. Die Klosetts befanden sich in den Stallgebäuden hinten. Wer musste, musste über den Hof, erinnert sich Hilde Schuch. Und das Klosett nennt sie noch immer einen Donnerbalken. Weil die Bruchstraße unten im Tal an einem erweiterten Feldweg endete, gab es kaum Autoverkehr. Die Kinder spielten noch unbefangen und ungefährdet auf der Straße. Darüber wurden auch an den Abenden angstlos die Gänse in ihre Ställe getrieben. Die Gänsekolonie hatte keinen guten Namen. Aber die Bewohner von einst meinen durchweg, man habe dort sehr zusammen gehalten. Irgendwann wurde die Bruchstraße die Lindenstraße. In den siebziger Jahren wurden die Gänsekolonie planiert, es wollte kaum noch jemand in den alten Häusern leben.

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