Unsere Kindheit am Stimberg

 

Die Rache mit dem Regenschirm
von Hans Dieter Baroth

Heinz Silvers lief aus dem Strafraum in Richtung rechter Außenlinie. Heinz Silvers war Mittelläufer in der Erstligaelf der Spielvereinigung. Heinz Silvers breitete seine Arme aus, so als wolle er jemanden aufhalten. Denn Heinz Silvers mochte keinen       Jule LudorfKrawall, er war der Kavalier unter den Schwarzroten. Dieses Bild hat sich bei mir eingeprägt. Das Ereignis begriff ich erst nach dieser Beobachtung. Kalli Matejka lag in Mittelhöhe mit dem Gesicht nach unten auf dem Spielfeld. Seine Ehefrau hatte sich aus der Masse der Zuschauer gelöst und lief auf den Platz. Mit einer geschickten Körperdrehung hatte sie Heinz Silvers umkurvt. Auffällig war noch, dass Friedchen Matejka einen Regenschirm in der rechten Hand hielt, aber unüblich mit der Krücke nach vorn. Sie erreichte den Schalker Spieler Paul Matzkowski, auf dessen gekrümmten Rücken sie mit dem Schirm schlug. Als Strafe und Selbstjustiz. Heinz Silvers schaute weg. Den vorherigen Ablauf erfuhr ich erst später. Kalli Matejka hatte im Punktspiel gegen Schalke 04 zum 1:1 ausgeglichen. Wütend darüber schoss ihn der Paul Matzkowski den regennassen und deshalb schweren Ball aus kurzer Entfernung von hinten in die Nieren. Sofort fiel der Kalli bewusstlos nach vorn. Schwager und Spielführer Jule Ludorf beugte sich nach unten, er sah Blutbläschen in den Mundwinkeln von Kalli Matejka. Während seine Schwägerin unter dem Gejohle von vielleicht 20.000 Zuschauern ihren Regenschirm einsetzte, lief der Schalker Sandmann auf die Prügelnde zu. Paul Matzkowski wehrte sich nicht. Der Schalker Sandmann erreichte Friedchen Matejka nicht, denn er lief in die Faust von Jule Ludorf. Auch der Schalker sank bewusstlos zu Boden.

Mehrere Erkenschwicker Spieler führten die schwer atmende Frau des Kalli zurück in den Zuschauerbereich zur Gegengeraden, dort wo in der Gegenwart die Tribüne steht. Sicherheitszäune waren noch unbekannt. Verständlich, dass bei diesen Turbulenzen das Spiel vom Schiedsrichter unterbrochen wurde. Nach 10 dramatischen Minuten wurde die Begegnung fortgesetzt, Kalli Matejka und der Sandmann spielten weiter. Es blieb beim 1:1. Später vor dem Sportgericht behauptete Jule Ludorf, er habe vor Freude wegen des Ausgleichs die Arme hochgerissen, da sei ihm der Schalker in die Faust gelaufen. Schalke zog die Klage zurück. Beide Clubs trugen die Kosten. Als am Montag eine Zeitung eine Karikatur brachte mit dem Titel "Stimberggeflüster", bei der aus keilenden Menschen ein Regenschirm herausragte, bestellte unser Nachbar Ewald Heumüller das Blatt ab.

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