Unsere Kindheit am Stimberg

 

Wenn die Ferkel und Kartoffeln kamen
von Hans Dieter Baroth

Schweine im Stall waren wichtigIn den schweren Zeiten nach dem Krieg meinte fast jede Familie in der Kolonie, sie habe einen Bauern "an der Hand". Der das Ferkel oder die Einkellerungskartoffeln lieferte. Die Ferkel kamen meist aus Essel. Ein Landwirt fuhr mit einem hoch gebauten Wagen auf großen dürren Rädern wie an einer Kutsche aus der Bauernschaft in die Bergmannssiedlungen. Hinten befand sich eine schmale Ladefläche, deren Deckel geöffnet wurde wie eine Truhe. Wenn der Bauer aus Essel auf der Straße parkte, waren Ferkel im Angebot. Die rötlich-weißen Tiere lagen schlafend und vor Hitze dampfend im Stroh, das den Wagen der Ladefläche bedeckte. Es dauerte dann Stunden, bis ein Tier verkauft wurde. Die Verhandlungen wurden meist von den Frauen geführt. Und die erklärten dem Bauern aus Essel, wie spindeldürr das Ferkel sei, was da hineingestopft werden müsse, es dauere Jahre, bis daraus ein schlachtreifes Schwein werde. Da müss er im Preis aber "ganz schön was nachlassen". Anders der vierschrötige Mann aus Essel, der die Gesundheit seiner Tiere lobte, jammerte, wie schwer er sich von ihnen trenne, aber es lohne sich, selbst eines aufzuziehen und zu schlachten, denn so ein Tier "frisst doch nur Abfälle, die sonst weggeworfen werden." Bald schon verloren die Kinder ihr Interesse an den "niedlichen" Tieren und dem langen Gerede der Erwachsenen. Irgendwann einigte man sich, der Bauer aus Essel zog das quiekende Tier aus dem Rudel und brachte das zappelnde Schweinchen in den Stall hinter dem Wohnhaus, den es erst zur Schlachtung wieder verließ.

Kartoffeln wurden Einkellerungskartoffeln genannt. Die wurden meist in Oer gekauft, immer beim selben Bauern. Deshalb hieß es "unser Bauer". Stolz wie vielleicht Hamster sind waren die Kinder, wenn aus Oer der bekannte Landwirt mit einem hochrädrigen Einachser vorfuhr und die Kartoffelsäcke in den Keller schleppte. Wobei an dieser Arbeit sich die Nachbarmänner beteiligten. Für eine Flasche Bier danach. Birnen gab es von einem Bauernhof Koch in Oer, der später seinen Betrieb umwidmete zu einer Kneipe. Andere Zeiten, andere Genüsse. "Unsere" Erdbeeren kauften wir ebenfalls in Oer, bei einer Familie Steinhausen, die hinter dem Haus einen riesigen Garten hatte, aber die nicht Bauer genannt wurde. Den Produkten der Landwirte aus Essel oder Oer blieben die Älteren treu. Wenn ich aus Düsseldorf anreiste, drängte meine Mutter mir ständig für die Rückreise "frische Hühnereier" auf, deren Qualität mit dem Satz geadelt wurde: "Die sind vom Bauern".

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