Unsere Kindheit am Stimberg

 

Und sonntags dann zu Mutter Wehner
von Hans Dieter Baroth

Gaststätte Mutter WehnerIm Juli waren die Sonntage schrecklich. Vier Wochen lang wurde nicht Fußball gespielt, selbst die Zeitungen schrieben von der "fußballlosen, der schrecklichen Zeit". Die Väter entdeckten die Familie, die vermeintliche Idylle hieß Waldspaziergang zu Mutter Wehner. Immer wieder zu Mutter Wehner! Freizeitkleidung war unbekannt, wer in die Haard ging putzte sich fein heraus. Die Väter warfen sich in den meist einzigen schwarzen Anzug. Dieser wurde Konfirmationsanzug genannt, auch wenn der Träger katholisch war. Die Mütter führten jene Kleider vor, die sie nach Mustern, die sie untereinander tauschten, selbst genäht hatten. Das wäre alles noch erträglich gewesen, aber auch die zu Spaziergängen genötigten Kinder wurden herausgeputzt. Der Kommunionsanzug von Bleyle wurde entmottet, dazu weiße Kniestrümpfe, die schwarzen Halbschuhe waren frisch geputzt. Fröhliche Eltern und bräsige Blagen zogen über die Ahsener Straße (am Friedhof vorbei) in die Haard. Die Mädchen waren schlimmer dran, ihre weißen Kommunionkleider waren umgenäht für die Sonntage. Und darauf war jedes Stäubchen zu sehen. Begegneten die Männer sich, redeten sie im Wald von der Arbeit. Oder sie riefen sich etwas zu, dass den Pütt betraf. Fußball wurde ja nicht gespielt. Die Wanderwege direkt durch die Haard waren schmal. Bald schon waren die Schuhe verstaubt, die weißen Kniestrümpfe eingegraut bis zu den Knöcheln, die erste Berührung mit den Waldbeersträuchern hinterließ ihre dunklen Spuren. So mancher Junge musste sich von der Mutter beschimpfen lassen, er sehe aus wie "ein Lump". Die Stimmung sank. Bei Mutter Wehner tranken die Väter einige Biere, ihre Frauen und die Blagen bekamen "Sprudel". Nach Stunden der Langeweile mussten wir zurück neben aufgekratzten Vätern, die am Abend schwärmten, dass sie "wieder einen schönen Sonntag erlebt" hätten. Weil es zu dieser Zeit noch kein Seifenpulver gab, mussten die Mütter mühsam die weiße Wäsche wieder in den Urzustand bekommen. So dass auch für den Montag eine Beschimpfung den Kröten sicher war. Einmal an einem Sonntag brannte es im Wald zwischen St. Johannes und Mutter Wehner. Das Feuer näherte sich in einem Birkenwäldchen bis auf hundert Meter dem Lokal. Viele Männer halfen, das Feuer mit Birkensträuchern nieder zu schlagen. So manches Kind wünschte sich den Sieg des Feuers.

Die ungeliebten Spaziergänge waren schlagartig aus dem Programm gestrichen, wenn der Ball wieder rollte. Als viele ehemalige Kinder in der Lehre waren, gingen dann sonntags freiwillig zu Mutter Wehner. Besonders gern am 1. Mai.

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