Unsere Kindheit am Stimberg

 

Ein Kotten wurde Schloss genannt
von Hans Dieter Baroth

Das Haus war ein alter Kotten in Fachwerkbauweise. Kontrastreich stand es inmitten der Koloniehäuser. Es lag an der damals noch sandigen verlängerten Knappenstraße und wurde im Ort Schloss Pipi genannt. Den Grund konnte niemand nennen. Der Mieter dieser heimelig wirkenden Kate war Josef Reiners, der aber nur Reiners Jupp, Jüppchen oder gar Pülleken Reiners gerufen wurde. Oder auch Reiners Puller, am Ort ausgesprochen Pulla. Obwohl der niedrig gewachsene Hundezüchter und Bergmann Reiners nicht trank. Schloss Pipi hatte zwar unter dem Dach enge Zimmer, aber keinen Keller. Es wirkte kleiner und geduckter als Koloniehäuser der nahen Engelbertstraße. Die Außenwände waren im Laufe der Jahrhunderte schief geworden. Wer in dem sandigen Boden um die Knappenstraße einst vor der Industrialisierung im Ort ein hartes Kötterleben führte, wussten wir auch nicht. Reiners Jüppchen betrieb keine Landwirtschaft. Mit schief stehenden Brettern war um das Anwesen ein wackeliger Bretterzaun gezogen worden. In den Hof führte ein doppeltüriger Eingang. Der Mieter hielt viele Hühner, hinter dem Haus entlang der Knappenstraße lag ein kleiner Wald mit sehr hohen Bäumen. Und darin standen nach dem Krieg einige Hundezwinger, denn Pülleken Reiners war ein ausgewiesener Züchter der berühmten deutschen Schäferhunde. Kinder hatten Angst, sich dem unsicheren Zaun des Schlosses Pipi zu nähern, weil im Hof streunende Köter als Gefahr empfunden wurden. Jüppchen Reiners machte sie zudem scharf und beißfreudig. Er hatte mehrere Jacken aus alten Kartoffelsäcken von seiner Frau nähen lassen, an denen ein Arm auffällig dick gepolstert war. Die kläffenden Hunde wurden oft in das Stadion geführt. In einer Senke zwischen jetziger Glück-Auf-Straße und Stadiontribüne lag eine Rasenfläche mit dem Namen "Vier Tannen". Mutige Burschen aus der näheren Umgebung zogen sich die Sackkleidung über, Pülleken Reiners hetzte die Hunde auf die vermeintlichen Diebe oder Flüchtenden, die Köter mussten sich an dem gepolsterten Arm festbeißen. Und der Junge in der Kluft durfte mit einer Reisigrute den Hund schlagen. Aber der blieb verbissen. Reiners Jupp streichelte danach den noch immer kläffenden Hund. Als auf dem Hof vor dem Kotten einmal ein Huhn geschlachtet wurde, flog das Tier ohne Kopf plötzlich über den Zaun noch einige Meter in die staubige Knappenstraße. Es war für die Kinder die Gräuelgeschichte ihres jungen Lebens. Anfang der fünfziger Jahre wurde Schloss Pipi in aller Hergottsfrühe abgerissen. (Es steht dort heute ein Wohnhaus.)

(Siehe auch Bildarchiv "Historische Fotos aus Erkenschwick")

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