Unsere Kindheit am Stimberg

 

Das Eis wurde von einem Pony-Wagen verkauft
von Hans Dieter Baroth

"Bei Frye gibt es Eis". Dieser Ruf klang wie mit einer Trompete geblasen als Fanal durch die Straßen der Kolonie. Es war direkt nach dem Krieg, jene Epoche, die auch Reichsmarkzeit genannt wurde. Café Frye, es war das einzige im Ort, lag neben dem Sportlokal des Robert Romanski. Getrennt wurden Café Frye und die Kneipe durch eine Toreinfahrt. Darin stand ganz selten ein kleiner Eiswagen, der von einem Pferdchen gezogen werden konnte. Wie als Symbol des Elends der Reichsmarkzeit wirkte der Wagen ohne Pferd. Einige Autos fuhren zu der Zeit mit Holzgas statt auf Benzin. Selbst von der Ahsener Straße liefen die Blagen mit ihren im Prinzip wertlosen Groschen in den kleinen Händen über die Zechenbrücke bis zu der Toreinfahrt zwischen Romanski und Frye. Hinter der Sportzentrale Romanski wirkte unser Ort wie optisch beendet, denn es folgten einige Felder, dahinter standen in Richtung Kausch nur vereinzelt Häuser. Weil alles knapp war zu der Zeit, empfand es keiner der Kröten als abträglich, dass die Verkäuferin das so ersehnte Eis auf ein Stückchen Pappe strich. Davon wurde es mit Freude abgeleckt. Tagelang blieb danach die Einfahrt verschlossen, irgendwann hatte der Frye Zutaten "organisiert", es gab wieder Eis. Und das war umgehend verkauft. Neben der Freude wegen des Süßen gab es auch oft Enttäuschung bei denen, die aus Rapen gelaufen kamen - aber zu spät. Die Eisverkäuferin Frau Stolzenburg wirkte wie eine Dame. Eine aus Kindersicht ältere Frau, die immer sehr korrekt gekleidet war und nie die Ruhe verlor.

Nach der Währungsreform fuhr Frau Stolzenburg mit dem Eiswägelchen durch den Ort. Vorn eingespannt ein geduldiges Pony, das ruhig in der Sonne vor dem Wägelchen stand, sich streicheln ließ, nie biss. Der kirmesgleiche Wagen hatte ein Dach wie ein Baldachin. Hinten auf einer Art Freitreppe stand Frau Stolzenburg. Vor ihr im Wagen waren drei Behälter mit Eis eingebaut. Sehr unterschiedliche Sorten gab es nicht. Italienisches Eis war in der Kolonie unbekannt. Eine Leine für das Pony lag über dem Wagen. Es gab wieder Hörnchen. Mit der wertlosen Reichsmark war die Pappe verschwunden. Ähnlich wie der Milchbauer Korte gab es für Frau Stolzenburg auf einer Straße drei Stationen. Unter dem Baldachin befand sich eine Bimmel, und die klang trotz ihrer Schwäche bis in jedes Kinderohr. Kamen keine Kunden mehr, trieb Frau Stolzenburg das Pferdchen an, sie blieb auf ihrem Sitz hinten im Wägelchen stehen. Nicht immer musste die bimmeln, das Geräusch des kurzen Trabens ihres Ponys genügte schon.

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