Unsere Kindheit am Stimberg

 

Wenn es im Ort zum Himmel stank
von Hans Dieter Baroth

Links von der früheren Zechenbahn war es ländlich. Die zweite Brücke führte etwas oberhalb des Kötters Hermann Rott über die Bahn. Betoniert war die Brückenfahrbahn nicht, kräftige hölzerne Planken bildeten die Fahrstrecke. Und die trugen am Ende des Krieges sogar deutsche und amerikanische Panzer. An der Straße lag direkt neben Rott, der auch mit seinen Pferden Deputatkohlen in die Kolonie fuhr, die Gärtnerei Georg Colle. Ein schwarzer Weg führte an dem früheren Lager, genannt Stalingrad, vorbei in Richtung des Bauern Heinz Flögel. Eine Straße war noch nicht am Bauernhof vorbei in Richtung Kiesenfeldweg gebaut. Wie zwei einsame Leuchttürme standen links von Flögel an der damaligen Schmalenstraße zwei Häuser aus dem Jahr 1900. In der Gegenwart ist daraus die Zillestraße geworden; damals nur ein pferdewagenbreiter Weg. Vom Bauern Heinz Flögel konnten die Wanderer zum Kiesenfeldweg über die leichte Krümmung der Landschaft bis an die Stadtgrenze von Recklinghausen zu einer Ziegelei sehen. Ansonsten Felder. In denen an Herbsttagen der Gastwirt Böttcher mit Bergwerksdirektoren Rebhühner schoss. Oder Hasen. Die Jagd war im Ort noch möglich.

Weil die Felder um Flögel gedüngt werden mussten, wurde von dem Kötter Rott die Jauche aus der Kolonie geholt. Die Häuser an der Engelbertstraße und Hochstraße sowie verlängerten Knappenstraße hatten so genannte Pumpsklos. Im Sommer roch es, die. Würmer krochen an den Hauswänden hoch. Es war keine gute alte Zeit. Der alte Hermann Rott mit seiner Frau fuhren die Straßen hinauf. Auf einem zweirädrigen Pferdewagen befand sich ein Behälter wie aus Zink, in dem oben die Jauche eingegeben wurde. Vorher wurde sie in Eimern zum Wagen getragen, hochgewuchtet, mehrere Tage roch es noch in den Höfen. Die alte Frau Rott war altershager, hatte aber eine gesunde rötliche Gesichtsfarbe. Grundsätzlich trug sie ein kariertes Kopftuch. Während der Mann Hermann Rott genannt wurde, blieb der Vorname seiner Frau unbekannt. Zu den nachhaltigsten Eindrücken meiner Kindheit war eine kurze Mittagspause der Kötterin Rott. Sie saß oben auf dem Jauchebehälter, dessen Einlass noch geöffnet war, griff unter ihre Schürze und holte ein in Paper verpacktes Brot darunter hervor und einen Apfel. Und beides aß die gesund wirkende Bauersfrau mit Genuss. Die Jauche wurde über die hölzerne Brücke gefahren, auf den Feldern um Flögels Hof wurde sie abgelassen. Hier passte dann das Wort: Es stank zum Himmel. Je nach Stärke des Windes über mehrere Tage. Wir mieden dann den schwarzen Weg in Richtung Flögels Hof.

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