Unsere Kindheit am Stimberg

 

Eine Bahnstrecke als Lebensader des Ortes
von Hans Dieter Baroth

Die eingleisige Zechenbahn vom Pütt, die entlang des Stadions, dann durch die westfälische Landschaft um Oer bis nach Sinsen führte, war die Lebensader unseres Ortes. Es prägte das Bild von harter Arbeit, wenn von der ersten Brücke an der Badeanstalt zu sehen war, wie auf den vielen Gleisen Dampflokomotiven rangierten. Im Laufe des Tages wurde ein riesig langer Kohlenzug zusammengestellt. Die Loks fuhren dazu unter die Brücke bis in die Höhe des Stadions. Da der Fußweg der Brücke aus Brettern bestand, drang weißer Dampf dadurch und umnebelte zu deren Freude die Kinder. Wenn unser Nachbar Heinrich Haberhausen, Lokführer dort unten, von seinem Führerhaus Nachbarblagen erkannte, pfiff er laut mit der Dampfpfeife des so riesigen eisernen Ungetüms. Zwischen 17 und 18 Uhr wurden die Kohlen dann nach Sinsen auf das Gleis der damals noch bestehenden Reichsbahn gefahren. Die kräftigste Lokomotive zog schnaubend vorn und schickte riesige Dampfwolken in den Himmel. Noch auf der Hochstraße glaubten die Menschen, in ihrer Küche vibriere der Schrank von der fernen Kraft. Hinten schob eine weitere Lok den Zug hinauf bis hinter die Höhe des Bauern Heine. Der Ertrag der Arbeit unserer Väter wurde am Berg so langsam gefahren, dass wir als Kinder aufsprangen und bis Rott mitfuhren. Viele warfen Kohlen ab, die dann gesammelt wurden. In der Schule wurden die geklauten Kohlen als Spende präsentiert. In Sichtweite der Gärtnerei Colle unterfuhr die Bahn die zweite Brücke, beim Bauern Heine die dritte. Ab der Esseler Straße fuhr sie ebenerdig bis zum Schwesternhaus in Oer, hier fuhr erstmals der Kohlenzug über eine Brücke. Etwa 40 Meter von der Gaststätte Pieper entfernt sprang ein Bahnarbeiter aus der ersten Lok und sicherte den Straßenübergang. Die zweite Lokomotive am Ende des Zuges schob von hier aus nicht mehr, der Straßensicherer wurde aufgeladen und zur Zeche zurückgefahren. Das ansonsten unbefahrene Bahngleis galt auch als Wanderstrecke. Für Erkenschwicker nach Speckhorn. Als Mutprobe für Kröten. Es war der Weg zum Silvertbach. Durch Colles Garten gingen einige die Böschung hinab, über die Schwellen wanderten durstige Männer bis in die Gaststätte Pieper in die Esseler Straße. Die hier noch laut Schild den alten Namen Ehseler Straße trug. Die Wirtin wurde nur Mutter Pieper gerufen. Sie zapfte grundsätzlich kein Pils unter sieben Minuten. Wer wegen Durst drängelte, wurde gelegentlich von ihr harsch abgewiesen: Qualität vor Durst. Dieses Credo verteidigte sie gegen jedermann.

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