Unsere Kindheit am Stimberg

 

"Komm mal 'rein", sagte Olga Eckstein
von Hans Dieter Baroth

Die Olympiamannschaft von 1940 mit Vati BachWenn die Kinder ihre Badezeit für 20 Pfennige im Hallenbad hinter sich hatten, blieben sie lange am Beckenrand vor dem Ausgang stehen. Olga Eckstein trainierte dann. Ihr zuzusehen war eine Faszination. Olga Eckstein, sechsfache Deutsche Meisterin im Kunst- und Turmspringen, war zehn Jahre aktiv. Sie probte ihre ästhetisch anzusehenden Sprünge von dem gefürchteten Fünfmeterbrett unter der Decke der Schwimmhalle. Olga Eckstein trug einen einteiligen schwarzen Badeanzug. Auch Zehnjährige sahen schon, sie war eine schöne Frau: Eine durchtrainierte frauliche Figur, das Gesicht wirkte von der Seite klassisch römisch, ihre dunklen Augen zum schwarzen Haar ließen uns von ihr schwärmen. Minutenlang stand sie ruhig oben auf dem Brett, sammelte sich, trat zurück, nahm einen Anlauf, sie stürzte mit gekonnten Körperdrehungen zum Wasser, kurz vor dem Eintauchen streckte sie sich wie ein Speer. Oder sie stand rücklings an der Absprungkante, nur noch mit dem ersten Drittel ihrer Füße auf dem Brett, dann der Sprung rückwärts, am Ende streckte sie sich immer vor dem Eintauchen körpergerade. Wenn ihr Kopf mit dem nassen tiefschwarzen Haar auftauchte, folgte ein kurzer fragender Blick zu Vati Bach am Beckenrand, ein kaum wahrnehmbares Nicken vom Reichstrainer hieß: "Gut gemacht, Olga". Stundenlang sprang sie, aber so lange ließ Vati Bach unser Zuschauen nicht zu.

Später arbeitete sie als Sekretärin beim Betriebsrat. Olga Eckstein war angenehm adrett gekleidet. Wir bewunderten ihre Bildung. Sie beherrschte im Gegensatz zu uns ein perfektes Deutsch. Olga Eckstein schrieb blind. Wir staunten, wenn sie angesprochen wurde, aufblickte, dabei aber weiterhin tippte. Kam es zu Reibereien, Olga Eckstein schlichtete mit ihrem Standardsatz "macht mal halblang". Stand sie an der Tür des Betriebsrates in der lichten Lohnhalle und sagte: "Komm mal 'rein", dann lag eine Beschwerde vor. Olga Eckstein stand dann eindeutig an der Seite des Beschuldigten und redete wie ein guter Rechtsanwalt.

Als ihr späterer Mann Günter Strangfeld als ehemaliger erfolgreicher Boxer mit Sport die Gewerkschaftsjugend positiv härten wollte, waren wir alle gegen ihn - weil er aus Herten kam. "Nun macht mal halblang", begann Olga Eckstein am Ende erfolgreich unsere Vorurteile abzubauen. Sie war nicht nachtragend. Die immer noch gut aussehende Frau hatte ein glänzendes Gedächtnis. Sie hätte es mit jedem Computer aufnehmen können. Olga Eckstein nahm ein Schriftstück in die gepflegten Hände, blickte kurz darauf, schon begriff sie, worum es darin ging. Sie war uns überlegen, spielte es aber nie aus.

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