Unsere Kindheit am Stimberg

 

Die Panzer kamen vom Stadion
von Hans Dieter Baroth

Wie dicke Hornissen am Boden wirkten die Panzer, die langsam und mit ihren Motoren laut brummend aus Richtung Stimberg-Stadion die Engelbertstraße herauf kamen. Das war im April 1945. Die Blagen standen vor den Häusern und schauten ängstlich zu. Sicherlich in der Furcht, jederzeit ballere so einer los auf die Häuser. Als die ersten beiden Häuser rechts erreicht waren, fuhr ein US-Soldat  seinen sich eckig bewegenden Panzer da zwischendurch bis in den Garten von Heumüller. Dort blieb er stehen, hinter dem Haus Nr. 46, das Geschützrohr auf die Nummer 48. gerichtet. Auf dem wehte eine Fahne aus weißer Bettwäsche. Die gehörte der Familie Zeitz. Unsere Nachbarn mussten binnen weniger Stunden ihre kleinen Bergmannswohnungen verlassen. Aufgenommen wurden sie wiederum von Nachbarn in der Engelbertstraße, die sie trotz eigener räumlicher Enge unterbrachten. Wir Kinder näherten uns den Panzern zuerst.

Die ersten Befreier in unserer Stadt waren Amerikaner und Kanadier. Und die hatten keinen Bezug zum Fußball, obwohl doch auch zu dieser Zeit die Spielvereinigung als Gauligist in der höchsten deutschen Klasse gespielt hatte. Irritiert standen Erwachsene und Kinder dann in der Frühlingssonne und litten, wie die Soldaten die weiß gestrichenen Fußballtore in der Hauptkampfbahn demontierten. An einer Stelle zogen sie Netze zwischen Stangen und spielten den Ball mit den Händen darüber - das war nicht einmal Handball, wir lachten darüber. "Was machen die aus unserem schönen Stadion", jammerte mein Vater. Hiernach bauten sie haushohe Tore auf, welche die Form eines riesigen H hatten, mit einem eierförmigen Ball schossen sie durch die obere Hälfte. Vorher liefen sie, das Ei in der Hand, bis zu dem Bereich, den wir immer noch den Sechzehner nannten. In diesem Zusammenhang hörten wir Kinder erstmals den Begriff Kultur - das sei keine, hieß es. An warmen Frühlingstagen saßen die Soldaten auf den Fensterbänken, redeten laut oder sangen, warfen den Blagen mal Schokolade zu. Die Gaststätte Hundrup war von ihnen besetzt. Auch das Geschäftshaus Jasper an der Engelbertstraße. Und die ersten Bergmannshäuser zu Beginn und am Ende der Engelberstraße. Nach den Erzählungen der Erwachsenen von vorher hatte ich mir das Ende des Krieges mit einer deutschen Niederlage ganz anders vorgestellt. Bald schon folgten den Amerikanern die Briten. In unserer Stadt hielt die Kultur wieder Einzug. Im Stimberg-Stadion wurden die Fußballtore wieder hergestellt. Und eine britische Auswahl verlor in einem Freundschaftsspiel gegen die Spielvereinigung.

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