Unsere Kindheit am Stimberg

 

Bei Fänna Zawar vorm Taubenschlag
von Hans Dieter Baroth

Bedrückend langweilig konnten die Sonntage bei Auswärtsspielen sein. Live-Übertragungen und Konferenzschaltungen von Fußballspielen gab es nicht. Erst in den Abendnachrichten des Rundfunks wurden die Ergebnisse gebracht. Telefon hatte niemand privat. Aber Brieftauben haben es gegeben. Wer mit dem Fahrrad zu einem Auswärtsspiel nach Dortmund oder Horst-Emscher trampelte, hatte auf dem Gepäckträger einen Korb mit Tauben darin. Auch wer sich eine Busreise nach Köln mal leistete, nahm seinen Korb mit Kröppern darin mit. Wir Kinder standen dann an diesen langweiligen Sonntagen ab 15 Uhr vor dem Haus von Karl-Heinz Zawar. Niemand nannte ihn Karl-Heinz, er hörte auf den Namen Fänna. Fänna Zawar war Taubenvater. Auch ein guter Züchter. Und wie die meisten ein Anhänger der Spielvereinigung. Nachbarn nahmen seine Vögel mit. Fiel ein Tor auf des Gegners Platz, bekam das Tier ein winziges Zettelchen unter den Ring geschoben, es wurde aus dem Zuschauerrang nach oben geworfen. Nervös flatterten die Tauben hoch über das Spielfeld in Richtung Heimat. Und hier saß Fänna Zawar und wartete unter dem Hausdach in der Engelbertstraße in seinem Schlag. Wir lungerten vor dem Bergmannshaus gegenüber und warteten auch. Bis dann aus Oberhausen oder Katernberg der erste Kröpper kam. Sofort wurden unsere halblauten Gespräche auf Flüsterton gestellt. Kinderaugen verfolgten die Taube von Fänna Zawar, die wie stolz in dem Schlag verschwand. Sekunden später erschien Fänna Zawars runder Kopf, der wie halslos auf dem Körper saß, in einem Dachfenster. Mit der einen Hand hielt er das Klappfenster hoch, die andere formte er zu einem Rohr und er rief hinunter den Spielstand. Sofort rannten die Blagen in die Wohnungen, wo die Eltern beim Kuchen saßen oder das Wunschkonzert im Radio hörten, Fännas Meldung wurde hineinposaunt, danach standen wir wieder vor dem Haus und warteten. Fänna Zawar blieb die Nachrichtenzentrale bis nach dem Schlusspfiff. Der Nachbarjunge war bekannt als Witzbold. Von dem Einzelkind Fänna Zawar hieß es, er esse jeden Abend ein Stück Fleischwurst. Die wurde im Ort Polnische genannt. Er war wie alle Burschen in unserer Straße unter Tage beschäftigt. Und er soll eine gute Hand für Tiere gehabt haben. Seine Vögel mit den Ergebnissen im Ring schienen es eilig zu haben, in den Schlag zu kommen. Sein Gesicht signalisierte oft, wie es auf des Gegners Platz gerade stand. An einem Karnevalsdienstag ist Fänna Zawar auf der Zeche tödlich verunglückt. Aus dem Hangenden war ein riesiger Stein gebrochen, die Bergleute nannten so einen Sargdeckel.

(C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN