Unsere Kindheit am Stimberg

 

Tambourmajor übte auf dem Schrottplatz
von Hans Dieter Baroth

Als Emil Borutta den Tambourkorps Seeadler ins Leben rief, war der kräftige untersetzte und glatzköpfige Mann Vorarbeiter auf dem Schrottplatz des Pütts. Zwischen ausrangierten Bahnachsen und verrosteten Metallstempeln war eine Bretterbude gebaut worden. Darin wurde gefrühstückt oder erzählt. Ganz in deren Nähe zischten und rumorten die Loks der Zeche, es wurden die Kohlenzüge zusammenrangiert. Emil Borutta schwärmte davon, er sei bei der Marine gewesen, was nie belegt wurde. Als Boxer habe er mal gegen Max Schmeling im Ring gestanden, hieß es, was uns junge Burschen kurzzeitig beeindruckte. Die Träume von der Seefahrt werden die muskulöse Person Emil Borutta getrieben haben, in einer Binnenstadt wie der unseren, einen Musikzug zu gründen, der in Seemannskleidung durch die Koloniestraßen ziehen sollte. Emil Borutta begeisterte einige junge Männer, die Musikinstrumente und die Seemannskleidung mussten sie sich auf eigene Kosten anschaffen. Hosen wurden entsprechend seemannsblau gefärbt, für die Blusen konnte mühsam vom Taschengeld was abgeknapst werden. Heinz Pottel, inzwischen verstorbener ehemaliger Musiker der Bergwerkskapelle erzählte gern, wie Emil Borutta Tambourmajor wurde - er übte mit einem Besenstiel in der Hand während der Arbeitszeit auf dem Schrottplatz, dabei mimte er aus vollen Wangen blasend die Musik mit. Mit strammen Schritten marschierte der einstige Seemann Emil Borutta mit seinem Besenstiel an den Bergen von Schrott vorbei. Fachgerechte Zurufe und Anweisungen von Heinz Pottel brachten den ersten Erkenschwicker Seeadler auf Trab. Neben Emil Borutta gab es einen zweiten Beschäftigten auf dem Bergwerk, der gern von der Seefahrt erzählte. Deshalb hieß der Mann nur Käpten Mehrmann, sein richtiger Vorname war nur wenigen bekannt. Käpten Mehrmann, Fahnenträger beim Schützenverein, setzte sich ebenfalls für die Gründung der Seeadler ein. Hieß es beim Abmarsch "links zwei, drei, vier", dann geriet Fahnenträger Käpten Mehrmann aus dem Tritt, er begann stets mit dem rechten statt mit dem linken Bein den Marsch. Anders Emil Borutta - eines Tages hatte der Besenstiel ausgedient, recht glaubwürdig marschierte er mit einem entsprechenden Stab als Tambourmajor vor seinen bergmännischen Seeadlern über die Stimbergstraße. Wer danach hämisch erzählte, Emil Borutta habe sehr mühsam während der Arbeitszeit zwischen den Schrottbergen geübt, der galt bald als unglaubwürdig, weil der Gründer unserer Seeadler so selbstsicher vor seinen Jungen marschierte, als habe er das irgendwo an der deutschen Küste richtig gelernt. Als Seemann natürlich!

(C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN