Unsere Kindheit am Stimberg

 

... und sonntags an die Stever
von Hans Dieter Baroth

Die Gewerkschaftsjugend baute einige Zeit nach dem Krieg unter Mitnahme von Material vom Pütt einige Paddelboote, die in Haltern an der Stever in einem Schuppen gesichert waren. Für die Freizeit standen sie den Jungen der vier Ortsgruppen unserer IG Bergbau zur Verfügung. Vier Ortsgruppen, das hieß, alle vier Wochen waren wir von unserer Ortsgruppe dazu berechtigt. Die Grenze für unsere Ortsgruppe war nach Süden die Bahnlinie, im Norden das Kino Böttcher. Weil es noch die Sechstagewoche gab, konnten wir nur an den Sonntagen an die Stever. Und dann, wenn die Oberliga West  ihre Sommerpause einlegte. Meist schon sehr früh radelten die Jungen durch die Haard, an Mutter Wehner vorbei, dann an St. Johannes, über eine breite tiefsandige Straße, die für den öffentlichen Verkehr gesperrt war. Und wir sangen aus vollen Hälsen unser Lieblingslied "Im kohlenreichen Ruhrrevier, da sind wir zu Haus, die ganze Woche schaffen wir, doch sonntags geht's hinaus."

Das Bootshaus lag in der Nähe von Halterns Jugendherberge, wo die Stever müde sich in den Stausee begibt. Gekämpft wurde, wer im Boot vorn sitzen musste, und welcher Junge auf dem Hintersitz Steuermann sein durfte. Im Rudel paddelten die Burschen aus der Kolonie die Stever aufwärts, was bei ihrem trägen Wasserlauf nicht anstrengend war. Bis Hullern war sie für unsere Boote noch schiffbar. Dort aßen wir am Ufer die mitgebrachten Butterbrote und hart gekochten Eier, sehr gemütlich, mit nur wenigen Paddelschlägen, trieben danach unsere Boote in Richtung Mündung. Dort lag links am Ufer das Restaurant Haus Niemen mit einem Zeltplatz davor. Hier kehrten wir deshalb nie ein, weil es sich keiner leisten konnte. Unter einer Straßenbrücke hindurch lag vor uns die weite Fläche des Sees. Einen Ausflugsdampfer darauf gab es damals noch nicht. Von hier an saß zu oft die Angst mit im Paddelboot, was wird sein, wenn es umkippen sollte oder ein Gegenstand im Wasser ein Loch reißt? Weiter als ein Fußballplatz lang ist fuhren wir nicht in den See hinein. Da war die Stever mit ihren nahen Ufern und üppigen Trauerweiden sowie Pappeln daran irgendwie sicherer.

Am späten Nachmittag radelten wir die selbe Strecke zurück. Glücklich in der Gemeinschaft eine wunderbare Freizeit verbracht zu haben. Arnold Mlodzian von der Stimbergstraße, der nun in Toronto lebt, in seiner Erinnerung: "Für die einen ist das Idyll im Klepper die Stever hinunter zu fahren oder auf dem Halternser See zu törnen" der Heimathafen ihrer Jugend. Er suchte die weite Welt. Aber die Erinnerung an die Stever blieb.

(C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN