Unsere Kindheit am Stimberg

 

An einem Samstag im Oktober 1947
von Hans Dieter Baroth

"Kuzorra-Schüler besiegten den Lehrmeister", titelte am 6. Oktober 1947 eine rheinische Zeitung über den Spielbericht der Heimniederlage von Schalke 04 gegen die Spielvereinigung Erkenschwick. Seit Einführung der Gauliga 1933 als höchste Klasse hatten die Gelsenkirchener erstmals zu Hause verloren.

Diese erste Heimniederlage in der Oberliga West bezog die Elf um den Spitzenspieler Ernst Kuzorra an einem Samstag. An diesem Tag waren 25 000 Zuschauer in die wieder aufgebaute Glückauf-Kampfbahn gekommen. Die Fußnote dieser Niederlage auf Schalker Gelände: Ernst Kuzorra hatte dabei die Hand im Spiel. Von 1943 bis 1946 hatte er zusätzlich zu seinen Einsätzen für Schalke die Spielvereinigung trainiert. An diesem 4. Oktober 1947, von dem Erkenschwicks Torwart Heinz Cichutek später sagte, es sei "ein herrlicher Herbsttag gewesen", kam der Alt-Internationale in die Umkleidekabine der Stimberger. Die Erkenschwicker Spieler erinnerten sich Jahre später, dass der einen Trainingsanzug übergestreift hatte. Das war zur Reichsmark-Zeit eine auffällige Rarität. Ernst Kuzorra setzte sich auf eine Bank und soll gesagt haben: "Hört mal, Jungens, ihr habt einen Mehrmann aufgestellt. Ich habe gehört, der ist nicht spielberechtigt, nehmt ihn raus". Beratungen beim Gegner der Schalker. Johann Smigielski, genannt "Janusch", musste sich umziehen und durfte auflaufen.

"Wir standen von der ersten Minute an unter Druck", wusste Kalli Matejka von dem historischen Ereignis zu berichten. Schiedsrichter Raspel aus Düsseldorf zeigte in der 32. Minute auf den Anstoßpunkt, Sigi Rachuba hatte das 0:1 für den Gast geschossen. In der 64. Minute musste Schalkes Keeper Heini Kwiatkowski wieder einen Ball aus dem Netz holen. Nach Vorlage von Rachuba vollstreckte Ludorf. In der 76. Minute fiel, wie sich Erkenschwicker Spieler kollektiv erinnerten, aus einem "Gewühle heraus" durch Berni Klodt das 1:2. Für die überlasteten Abwehrspieler Smigielski, Heinemann, Sperl, Silvers, Berger und Lienhard wurden das die längsten 14 Minuten ihres Lebens. Torwart Heinz Cichutek träumte noch Jahre von der Belagerung seines Tores durch die Schalker. Und der Mehrmann war nicht spielberechtigt gewesen. Als der Sieg am Abend im Rundfunk gemeldet wurde, hieß es in der Kolonie, "die haben sich beim Radio vertan." Es wurde am Sonntag in der Sportzentrale Romanski gefeiert, immer wieder mussten die Spieler von dem historischen Sieg erzählen. Gesichert ist auch, dass sie alle am Montag nicht pünktlich zur Morgenschicht erschienen sind. Was ihnen nachgesehen wurde.

(C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN