Unsere Kindheit am Stimberg

 

Schwarzweiße Filme bei Böttcher
von Hans Dieter Baroth

Es gab über Jahrzehnte nur das Kino Böttcher in Klein-Erkenschwick. Jeder über 50 Jahre, der seine Kindheit in dieser Stadt erlebte, hat seinen ersten Film bei Böttcher gesehen. Meistens in schwarzweiß. Hinter der Kasse saß die Ehefrau des Wirtes und Kinobesitzers Böttcher, eine auffällig schlanke dunkelhaarige, freundliche aber unnahbar wirkende Frau. Ihre ebenfalls sehr schlanken beiden Töchter waren die Platzanweiserinnen an den beiden Eingängen rechts und links. Nach der Währungsreform kosteten die vorderen Reihen 70 Pfennige, die in der Mitte 90, und die Loge hinten 1.20 DM. Später dann 90 Pfennige, 1.20 DM und die Loge 1.50 DM. Die billigen Plätze vorn nannten wir Rasiersitz, weil die Kinder wegen der Nähe zur großen Leinwand den Kopf leicht nach hinten legen mussten, so wie der Kunde beim Friseur während der Rasur. Die hinteren Logensitze, die wir als Blagen nicht bezahlen konnten, wurden Fummelplätze genannt; aber wir wussten nicht, was es da zu fummeln gab. Noch nicht. An den Sonntagen gab es um 14 Uhr gelegentlich Kindervorstellungen für einen einheitlichen Eintrittspreis von 50 Pfennigen. Trotzdem drängten wir in die erste Reihe auf die Rasierplätze. Gut eine Stunde vor Beginn des Kinderfilms standen wir schon vor Böttcher und warteten auf den Einlass. Den Film "Der gestiefelte Kater" sahen wir so begeistert wie auch Frau Holle.

Zunächst begannen wir die beiden Töchter der Frau Böttcher zu hassen, später dann auch die Mutter. Als Blagen wünschten wir bei den Filmen kein Ende. Aber was machten die Platzanweiserinnen? Schon zehn Minuten vor dem Ende des Films rissen sie an den Seitenausgängen die Vorhänge zurück, so dass wir wussten, gleich ist Schluss. Einmal pumpte eine sogar einen Fahrradreifen auf, das Rad stand unterhalb der Leinwand. Später dann, als nach "jugendfrei" Altersgrenzen für den Eintritt wie Barrieren aufgebaut schienen, achtete die Kassenfrau Böttcher unerbittlich darauf, dass keiner jünger als verlangt erlebnishungrig ins Kino schlüpfte. Sie ließ sich weder mit Geld noch guten Worten erweichen. Wir zogen die Mütze des Bruders auf, Mädchen trugen die zu großen Mäntel der älteren Schwester, die alte Böttcher fischte sie sicheren Blickes heraus. Erkenschwick war klein, man kannte sich. Einmal schimpfte einer zu der alten Frau, "eines Tages brauchen wir alle kein Kino mehr, dann steht ihre Familie vor dem leeren Haus und plärrt Rotze und Wasser." Höhnisch und selbstsicher grinste die Böttcher. Der sich voller Kinderverwünschungen als Prophet aufgespielt hatte, kannte noch nicht einmal den Begriff Fernsehen.
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