Unsere Kindheit am Stimberg

 

Sommerspiele in der Kolonie
von Hans Dieter Baroth

Wenn die Sonne den Tag erwärmt hatte und die Männer nach der Rückkehr von ihrer Morgenschicht gegessen und "eine Mütze voll Schlaf" genommen hatten, begann auf den Straßen in der Kolonie das Freizeitleben. Die Alten standen vor den Häusern und redeten miteinander. Meistens von früher oder vom Krieg. Die Blagen liefen vom Frühjahr bis in den Herbst barfuss. Und so spielten sie auch Fußball auf der Straße. Vier hölzerne Aschenkisten bildeten mitten auf dem Asphalt die beiden Tore. Der Ball bestand aus einem Strumpf, der mit Lumpen gefüllt und von einer fürsorglichen Mutter in etwa durch Näharbeit rund geworden war. Ein durchfahrendes Auto störte selten. Außer dem Korte als Milchmann hatte keiner ein Auto. In der Engelbertstraße bekamen die Kurzbach`s von der Nummer 50 gelegentlich Besuch von ihrem Sohn aus Recklinghausen. Der fuhr einen Opel P4 aus der Vorkriegszeit. Der kam aber nur sonntags bei Heimspielen zu seinen Eltern.

Bekannt und beliebt bei den Kindern waren einige Männer, die besonders farbig und lustig erzählen konnten. Es war einmal der Taubenvater Fänna Zawar, der in seinen Geschichten den Jule Ludorf schneller laufen ließ, den Torwarten der Gegner größere Hände und unseren Stürmern kleinere Bälle andichtete. Ein Haus weiter stand der alte Hagen vor dem Haus und blähte die Siege noch mehr auf. Auch an seinen Lippen hingen die Augen der erstaunten Blagen, wenn sie nicht dem runden Lumpen nachliefen. Sein Sohn wurde später ein erfolgreicher Schiedsrichter. Schräg gegenüber in der Engelbertstraße lebte der Witzbold Wessolek, der jeden Abend pünktlich um 19 Uhr laut rief: "Rum mit der Katz, wer hat's, der hat's". An den Winterabenden riss er die Haustür auf und brüllte diesen Satz hinaus, vom Haus gegenüber hallte er zurück.

Das Alltagsleben erlebten wir auf der Straße. Hier sah ich den ersten Betrunkenen, der von unten bis fast zum Ende der Engelbertstraße torkelte und Siegeslieder auf die Spielvereinigung sang. An einem Sommerabend kam der Nachbar Schöning völlig abgemagert, mit einem Bart und fast zerlumpt aus der Gefangenschaft. Seine Kinder liefen ihm überglücklich entgegen, eine Traube von Nachbarblagen begleitete den Heimkehrer. Seine Kumpel, die Erwachsenen, hatten Tränen in den Augen. Wenn sich die Dämmerung über die Engelbertstraße legte, wurden unsere Spiele von den Erwachsenen per Zuruf beendet. Es wurde dann in der Wohnung Musik aus dem Radio gehört. Viele hatten noch einen Volksempfänger, an dessen Wählknopf der Vater kurbelte, damit die Familie keine klassische Musik hören musste.
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