Unsere Kindheit am Stimberg

 

Heinzmann Igel in der Ewald-Schule
von Hans Dieter Baroth

Kinder aus der nächsten Umgebung kamen zur Einschulung in die Ewald-Schule. Wer in die Stimberg - Schule musste, der wohnte in deren Nähe. Die Ewald-Schule schien in der Endphase des Krieges im Innern schon alt und verbraucht. Die hölzernen Treppenstufen waren ausgetreten und sahen aus wie hängende Unterlippen von alten Leuten. Die Klassenzimmer mit ihren ramponierten Holzbänken waren an Kargheit und dem Ausdruck an Armut nicht mehr zu unterbieten. Wegen des Krieges gab es mit einer Ausnahme nur Lehrerinnen an der Ewald-Schule. Der einzige Mann war Lehrer Kleeschulte, der wohl auch Schulleiter war, denn unter dem Dach der Ewald - Schule bewohnte er mit seiner grauhaarigen Frau eine kleine Wohnung. Generationen von Erkenschwickern galt er als gutmütig. Der Lehrer Kleeschulte trug kurzgeschorenes Haar, wohl deshalb hatte er den ortsbekannten Spitznamen Heinzmann Igel. Heinzmann Igel spazierte an den Nachmittagen mit seiner Frau durch die Grünanlagen des Stadions, für fast jedes Kind hatte er eine freundliche Bemerkung parat. Wenn Heinzmann Igel wütend war, lief er im Gesicht rot an.

Angenehm an der Ewald-Schule war, dass morgens die Sonne in die Klassen an der Forderfront des Hauses schien. Wer in der Nähe des Fensters saß konnte hinaussehen und träumen. Viele Lehrerinnen wurden nämlich mit den Blagen nicht fertig, wenn sie drohten "den Herrn Kleeschulte" zu holen, beunruhigte das keinen. Ich sah gern auf das Gelände der Zechenziegelei, dahinter lagen die Fördertürme, auf deren Kronen die Seilscheiben gedreht wurden, ähnlich schnell wie Frettchen sich in einem Käfig bewegen. In den Holzbänken der Ewald-Schule waren Namen von Schülern geritzt und sogar geschnitzt, die wir schon nicht mehr kannten. Vor der Schule auf dem Pausenplatz lag kleinkörniger weißer Kies. Zur Freude der Kinder wurde der Unterricht wegen Fliegeralarm immer öfter unterbrochen. Die johlende Menge wurde von den Lehrerinnen in den nahen Bunker gegenüber der Gaststätte des Fritz Hundrup getrieben. Ihnen allen folgte der freundliche Heinzmann Igel.

Der Abschied von der Ewald-Schule kam nach dem Krieg für viele überraschend. Sehr bald schon wurde die Bekenntnisschule eingeführt, nun galt nicht mehr die Nähe der Wohnung, die Religion entschied. Die Ewald-Schule wurde eine evangelische. Erst da erfuhr ich, dass ich katholisch war. Und mein Nachbar Walter Gitt wusste nun erst, dass er zu den Evangelischen gehörte. Es gab schmerzhafte Abschiede und es blieben Narben in den Kinderseelen. Nun musste ich in die Stimberg-Schule.
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