Unsere Kindheit am Stimberg

 

Leichengeruch hinter St. Johannes
von Hans Dieter Baroth

Es war der weiteste Weg allein ohne Eltern bis zu Mutter Wehner - für uns Kinder war Erkenschwick dort beendet, weil die Haard dahinter als düster und bedrohlich galt. Aber die Älteren erzählten wie Kriegshelden von ihren Wanderungen bis St. Johannes. Da stehe völlig einsam eine Heiligenfigur allein im Wald. Und da sei

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Link zu St. Johannes

Erkenschwick dann tatsächlich zu Ende. St. Johannes spukte durch unsere Köpfe als der Inbegriff von Abenteuer und Wagnis. An einem heißen Julitag pilgerten einige Blagen mit größeren Jungen von der Engelbertstraße bis zu Mutter Wehner. Wasser tranken wir hinter dem Haus aus dem Wasserhahn. Für eine Brause reichte das Geld nicht. Und zudem war es in der Reichmarkzeit nichts mehr wert. Es war Heinz-Werner Zupfer von der Engelbertstraße, der plötzlich sagte, nun marschierten wir über die sandige Anhöhe bis St. Johannes. Aber zu Hause sollten wir "alle die Schnauze halten". Was jeder versprach. Die Sonne brannte unbarmherzig in den Sand auf einer breiten Fahrbahn. Hier fuhren nicht einmal mehr die Bauern mit ihren hochrädrigen Pferdekarren. Korn- oder Kartoffelfelder gab es dort nicht mehr. Auf unserem Treck begegnete uns kein Mensch. Gut so, es konnte uns deshalb auch niemand zu Hause in die Pfanne hauen.

Inzwischen wieder durstig erreichte der kleine Trupp von Koloniekindern endlich das backsteinfarbene Häuschen des St. Johannes. Darin, hinter einem Gitter, stand eine winzige Figur, auf dem Arm lagen verwelkte Blumen. Ein kläglicher Anblick. Enttäuschung nach diesen Mühen und solchen Gefahren. Und der Gefahr, zu Hause deshalb auch noch Ohrfeigen zu bekommen. Es lag aber ein intensiver Geruch in der Luft. Sehr süßlich. Die Großen um Heinz-Werner Zupfer sagten, der Geruch komme aus Richtung Haltern hinter einem weiteren Berg. Sie schnüffelten in die Richtung wie die Hunde von Jüppchen Reiners, die er täglich im Stimberg-Stadion dressierte. "Leichengeruch", stellte einer angeblich sachkundig fest. Die Kleineren rückten vor Angst zusammen. Es roch intensiver, der Geruch schien uns die Sinne zu nehmen. "Der kommt dort aus dem Wald", meinte einer. Die älteren Jungen ließen St. Johannes St. Johannes sein und suchten in dem dichten Unterholz. Wir Kleineren standen vor dem Häuschen. Ob jemand von uns vor Angst betete? Wenn ja, keiner ließ sich was anmerken. Die Burschen fanden halb vergraben in dem Sand der Haard ein totes Pferd. Wahrscheinlich noch von der Wehrmacht. Wir ergriffen wegen des fürchterlichen Geruchs die Flucht zurück zu Mutter Wehner. Zu Hause schwiegen alle, es hätte sonst Krach gegeben.
(C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN