Unsere Kindheit am Stimberg

 

Übernachten in der Jugendherberge Oer
von Hans Dieter Baroth

Wer mal auswärts schlief, der schlief höchstens bei der Oma in Datteln oder Suderwich. Eine Einkaufsfahrt mit der Straßenbahn über Herne nach Bochum gab nur einmal im Jahr. Das Mädchen "Tätta" aus der Nachbarschaft fuhr schon mal zu Verwandten nach Nordkirchen. Dort sollte es sogar ein richtiges großes Schloss geben. Wir dagegen kannten nur in Recklinghausen die Engelsburg von außen. Beeindruckend war die nicht. Das Schloss Horneburg durfte nicht betreten werden, darin war ein Erholungsheim. Dem Haus nahmen wir den Titel Schloss auch nicht ab. Wo es doch in Horneburg lag. Wir bewunderten dagegen in der Jugendherberge Oer junge Menschen, die dort übernachteten. Zu der Jugendherberge gingen wir aus der Kolonie zu Fuß. Dort sahen wir Halbwüchsige, die in Gruppen anreisten, meist mit dem Fahrrad. Mussten die reich sein, dachten wir. Das Innere der Jugendherberge blieb uns verschlossen. Nur direkt nach dem Krieg waren wir drin, sie war leer und unbewohnt. Die Möbel mussten wohl verbrannt sein, in den leeren großen Schlafräumen waren die Fußböden übersät mit Stahlhelmen der verschiedensten Armeen. Es lagen Panzerfäuste auf dem Hof, ein zerstörter so genannter Tigerpanzer mit dem Eisernen Kreuz auf dem Turm gemalt stand ohne Ketten im Wald. Deshalb genossen wir aus dem Gebüsch beobachtend danach das neue Leben in der Jugendherberge.

Die Jungen aus meiner Klasse erlebten erstmals mehr als eine Nacht "von zu Hause weg" in der Jugendherberge von Haltern. Mit dem Lehrer Jung waren wir mit Fahrrädern dort hingefahren, wanderten mit ihm in die Borkenberge und entlang der Stever, aßen eine dünne Wassersuppe und versuchten mit durchnässten "Trockentüchern" das Geschirr trocken zu reiben; es blieb unangenehm feucht. Aber wir waren glücklich, denn wir waren von zu Hause fort.

Erst als einige von uns die Schule verlassen hatten und in die Ausbildung auf "Fortsetzung" gingen, erlebten sie die Jugendherberge in Oer von innen. Die IG Bergbau rief zu einer Wochenendschulung von Samstag bis zum Sonntag in die Jugendherberge. Nicht Wissbegier war der Antrieb sich dafür zu melden, auswärts zu schlafen bedeutete so etwas wie ein Gefühl von Freiheit. Es gab nun keine Wassersuppe mehr, Schnitzel mit Leipziger Allerlei wurde geboten. Ein freundliches älteres Ehepaar mussten wir mit Herbergseltern anreden. Was vielen sehr schwer fiel. Jugendsekretär Helmut Homann kam auf einem Motorrad aus Recklinghausen zu uns gefahren. Er trug eine Art Regenmantel aus der Wehrmacht. So etwas galt bis Anfang der fünfziger Jahre als normal.

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