Unsere Kindheit am Stimberg

 

"Knickerwasser" an der Seltersbude
von Hans Dieter Baroth 

Wer zwischen Hallenbad - bei uns Badeanstalt genannt - und Heim der Gewerkschaftsjugend die großen Vorplätze des Stadions erreicht hatte, der konnte in den fünfziger Jahren sich dort einen heben. Für die Blagen war dieser Eingang deshalb sehr bevorzugt, denn dort stand eine Seltersbude. Alkoholfreie Getränke wurden entweder Selters oder Brause genannt. Als mutiger Kleinunternehmer baute ein Hagermann von der Grevelstraße sich dort eine solche Verkaufsstelle, die Seltersbude genannt wurde. Die Brüder Walter und Richard Hagermann halfen nach ihrer schweren Arbeit auf Fortsetzung beim Aufbau dieser neuen Existenz. Bald schon wurde diese aus Stein geschaffene "Bude" Umschlagplatz für lokale Neuigkeiten. Wer mit welcher Ische ging, wo es in der Ehe kriselte, wer bald heiraten "muss", was hieß, er hatte eine geschwängert, das wurde von den Männern erörtert. Da standen sie mit einer Flasche Bier in der Hand, den Arm stets angewinkelt, und sie plachanderten wie Frauen. Denn denen wurde die Lust an Gerüchten nachgesagt. Die Blagen hörten meist nicht hin, ihr Trachten galt einer Flasche Knickerwasser. Eine kleine Murmel wurde in der Kolonie Knickel oder Knicker genannt. Und bei dem stets freundlichen Hagermann an der Seltersbude gab es Knickerwasser. Offiziell wird das Getränk anders geheißen haben. Es war eine Limonade, an deren Flaschenhals als Verschluss eine meist trüb gefärbte Kugel saß, die wurde mit dem Daumen von Erwachsenen nach unten gedrückt. In der Mitte des Flaschenhalses gab es eine verbreiterte Stelle, hier blieb die Kugel, also der Knicker, hängen, an ihm vorbei floss der Sprudel heraus. Getrunken wurde damals nicht aus Gläsern. Und das Knickerwasser schäumte zunächst kurz. Es gab rotes Knickerwasser und Waldmeister in grün. Luwy Linn erinnert sich intensiv, dass es an der Seltersbude im Stadion auch noch gelbes Knickerwasser gab, wohl mit Zitronengeschmack. Besonderen Zulauf hatte der Hagermann an den Vormittagen der Sonntage, immer dann wenn die A-Jugend auf dem Vorplatz pöhlte. Dann kamen viele Fans, denn in der Jugend spielten Schorse Szymaniak, "Moppel" Gerhard Zeitz und Hermann Lulker sowie "Hoppen" Schwertfeger. Besonderen Zulauf gab es bei den Spitzenspielen gegen die A-Jugend des VfL Suderwich. Der Kleinunternehmer Hagermann starb sehr früh, die Seltersbude wurde von einem anderen übernommen, irgendwann verlor sie ihre Bedeutung als Ort der Stärkung im Stadion. Sie wurde abgerissen. Auch Knickerwasser wurde bald nirgendwo mehr angeboten. Aber da waren die Blagen schon größer geworden.

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