Unsere Kindheit am Stimberg

 

Rote Baracke im Birkenwäldchen
von Hans Dieter Baroth

  "Fasse dich kurz, nimm Rücksicht auf Wartende", so lautete die Aufforderung auf einem Emailleschild im Innern der Post an der Stimbergstraße im Stadtteil Klein-Erkenschwick. Es war montiert über dem Eingang einer hölzernen Telefonzelle im Postgebäude. Ferngespräche mussten am Briefmarken-Schalter angemeldet werden, war die Verbindung von der Postbeamtin mit der Hand hergestellt, wurde der Kunde in die Zelle gewiesen. Dort redeten die meisten zu laut, so dass die anderen Kunden vor dem Schalter gut mithören konnten. Vielleicht dachten damals einige Anrufer, man müsse wegen der Entfernung lauter sprechen. In der Kolonie gab es keine Geheimnisse, nicht einmal am Telefon. Das Postgebäude stand in der Nähe des heutigen AWO-Hauses, das aber im Ort AWO-Heim genannt wird. Hinter dem inzwischen abgerissenen Posthaus lag ein kleines Birkenwäldchen, und darin stand eine rote Holzbaracke. Der Birkenwald endete an einem Holzzaun zu den Gärten der Häuser in d er Engelbertstraße. Dieser Zaun sollte auch das Material auf dem dort liegenden Bauhof der Gemeinde schützen. Erkenschwick war zu der Zeit noch keine Stadt. Und der Zaun war kein Schutz.

Es hieß, das rote Holzhaus war zuvor ein Sammelpunkt für die Hitlerjugend, und deshalb auch von den Nazis gebaut worden. Damals wurde Geschichte über Hörensagen vermittelt. Nach dem Krieg trafen sich in der Baracke zunächst die Kommunisten. Wenn es denn möglich war, denn wiederholt waren in der Nacht die Fußbodenbretter herausgerissen und gestohlen worden. Auch eine FDJ gab es zu der Zeit im Ort. Die FDJ gestaltete ihre Heimabende in der roten Baracke. Ihr Leiter war ein rothaariger Erwachsener, der im Krieg ein Bein verloren hatte und deshalb an Krücken ging. Einmal brachte er die Fans der Spielvereinigung gegen sich auf. Die saßen zur Abfahrt bereit zu einem Auswärtsspiel vor der Sportzentrale Romanski auf der Ladefläche eines Opel Blitz. In einem Bus fuhr nur die Mannschaft. Als der FDJ-Leiter statt mit einer schwarzroten Fahne mit einem Wimpel seiner Parteijugend auf die Ladefläche wollte, war das Maß voll, sie verweigerten ihm den Zutritt. Als dann mit der DKP auch die FDJ verboten wurde, blieb die rote Baracke zunächst stehen. Aber die Bodenbretter verschwanden mit unschöner Regelmäßigkeit. Die rote Baracke wurde dann auch benutzt von den Roten Falken, die dort den Volkstanz übten und Heimabende gestalteten. In den fünfziger Jahren wurde die Baracke abgerissen, die Birken holzten Arbeiter der Gemeinde ab, das Postgebäude verlor seine Bedeutung, geblieben ist nur das Haus der AWO.

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