Unsere Kindheit am Stimberg

 

Der Fotograf aus Surk
von Hans Dieter Baroth

Ein Fotoapparat hieß nur "Box", das war ein schwarzer blecherner Kasten der Firma Agfa. Es gab im Ort nur wenige, die eine "Box" besaßen. Niemand fotografierte damals Landschaften, Häuser oder privat den Pütt. Nur Menschen wurden aufgenommen. Es war üblich, sich vor einem Foto aufzubauen, die Luft anzuhalten, danach wurde der schwarzweiße Film abgegeben in einer Drogerie zur Entwicklung. Bei der Abholung hieß die obligatorische Frage: "Ist was drauf?" Bei Familienfeiern stellten sich die Gäste auf dem Hof zwischen Wohnhaus und Schweinestall in mehreren Reihen dem Fotografen. Dann hatte aber die "Box" ausgedient. Aus Suderwich reiste jeweils ein Fotograf an. Der baute auf einem hölzernen Stativ eine Kamera auf, die größer als ein Zigarrenkasten war. Unser Fotograf aus Surk - für Suderwich - verschwand mehrere Male mit dem Oberkörper unter einem schwarzen Tuch, betrachtete genau die gut gelaunten Menschen vor sich, blickte so, als nähme er Maß, dann hieß es für die Blagen, vorn aus der Linse komme ein Vögelchen. Es machte laut Klick. Das Ergebnis waren steif stehende Menschen mit gefrorenem Lächeln in Sonntagskleidung. Der Fotograf hatte am Alten Kirchplatz in Suderwich sein Atelier. Zu ihm fuhren unsere Eltern, wenn sie in einer Scheinkulisse des Wohlstandes Familienfotos machen ließen. Ansonsten reiste dieser meist in Grau gekleidet Mann, der hohe Schnürschuhe trug und das Haar kurz geschoren hatte,  nach Erkenschwick an. 
An den Sonntagen bot er sich im Stadion an für Fotos von den Blagen, die dann immer ihre feinsten Sachen tragen mussten. An dem Haus des jetzigen Stadiongärtners Trapp lag damals ein riesiger Findling. Vor diesem Stein wurden die Kinder gestellt. Der Mann aus Surk zog sich immer wieder das schwarze Tuch über die Schultern. Die stolzen Eltern riefen den auf Zuruf grinsenden Kindern zu, gleich komme aus der Linse ein Vögelchen. Die Fotos mit dem Nachwuchs vor dem Findling wurden in der Größe von Ansichtskarten geliefert und waren eine Anschaffung fürs Leben. Die "Box" lieferte dagegen meist unscharfe Fotos, und dies nicht nur, weil die Knipser gezittert hatten. Das Filmmaterial war schlechter. Der Mann aus Surk fotografierte noch auf Platten. Was immer das war. Nach dem Krieg bekam der Fotograf vom Suderwicher Kirchplatz Konkurrenz in Datteln. Dort baute sich im zweiten Stock eines Hauses ein Konkurrent ebenfalls ein Fotostudie für Hochzeiten und Familienbilder. Er bekam auch guten Zulauf, entweder war er billiger oder der aus Surk war zu alt geworden. Irgendwann knipsten dann viele selbst.

(C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN