Unsere Kindheit am Stimberg

 

Hinaus mit dem Sohn...
von Hans Dieter Baroth

Gegessen wurde zum Mittag an den Sonntagen meist pünktlich um zwölf Uhr. Waren die Brieftauben unterwegs, dann schon mal etwas eher oder gezielt später, um deren Eintreffen nicht zu verpassen. Anders war es bei der Familie des Adam Schwindling (1901 - 1964) in der Knappenstraße. Gegen elf Uhr dampfte das Mittagessen auf dem Tisch, wenn es spät wurde, dann mal gegen halb zwölf. Zumindest vom Sommer bis zum Frühjahr jeden zweiten Sonntag, wenn im Stimberg-Stadion die Spielvereinigung ein Heimspiel hatte. Tochter Otti Schwindling spielte bei den Handballfrauen, und Vater Adam Schwindling war Chef der Platzwarte. Schon früh um die Mittagszeit, wenn die anderen noch aßen, inspizierte Adam Schwindling die Eingänge, besah sich den Drahtzaun um das Stadion, gegen 13 Uhr trafen die Platzwarte sich zu ihrer Lagebesprechung. Wer war Kartenabreißer und konnte das Spiel dennoch sehen, welcher Mann durfte auf der Aschenbahn stehen und ebenfalls Ludorf & Co stürmen sehen? Ihre Einteilung nahm Adam Schwindling vor. Er versuchte gerecht zu sein, denn es gab Ordnerdienste, bei denen der Aufpasser nur die Torschreie aus dem Stadion hören konnte. Spielten die Schalker im Stadion, wurden am Samstag von Radio Fels aus Recklinghausen Lautsprecher aufgebaut. Und sonntags vor dem Spiel hörten die Massen das Lied "der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor". Als es damals noch keine Tribüne gab, standen auf der Gegengeraden zwei Fahnenmasten. An der einen Stange hing eine riesige schwarzrote Flagge, an der anderen eine blauweiße. In einem Heimspiel gegen die Königsblauen führten die Schwarzroten bei dem Endergebnis von 3:3 drei Mal. Und drei Mal setzten Erkenschwicker die blauweiße Fahne jeweils auf Halbmast. Bei einer vermeintlich falschen Entscheidung des Schiedsrichters rief einer aus der Menge von über 20.000 Zuschauern, diese Pfeife sei ein Arsch. Der Mann in Schwarz hatte das gehört, mit einem Pfiff unterbrach er den Kampf und beorderte unseren Nachbarn Adam Schwindling zu sich. Er möge den Schreier ermitteln, so der angeblich Unparteiische, und ihn aus dem Stimberg-Stadion verweisen. Adam Schwindling wusste, wer diese treffende Bemerkung so laut gerufen hatte - es war sein Sohn Armin. Unser Chef der Platzwarte verwies korrekt seinen Sohn aus dem Stadion, damit das Spiel weiterlaufen konnte. Adam Schwindlings Ehefrau erklärte wochenlang jeden der fragte, warum der Vater so streng gewesen sei: "Was sollte er denn machen, die Erkenschwicker führten doch gegen Schalke." Da hatte dann jeder Verständnis.

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