Unsere Kindheit am Stimberg

 

Fische fangen im Westerbach
von Hans Dieter Baroth

Walter Amberg wohnt seit Kindertagen in der Westerbachstraße. Nicht nur er weiß, dass die Straße nach einem einst hinter den Häusern fließenden klaren Baches benannt wird, der in den 60ger Jahren verrohrt wurde. Im Ort verschwand eine Idylle aus den Kindertagen. Der Bach wieselte hinter den Häusern ins Tal, hinter ihm lagen die Gärten. Es standen an seinem Ufer Bänke wie in einem kleinen Park. Weil durch die schmalen Einfahrten der Häuser nur Fahrräder geschoben werden konnten, blieb der Bereich befreit von den Autos. So mancher Mann fischte im Westerbach als Junge noch nach Stichlingen. Die gab es in dem meist klaren Wasser reichlich. Auch Walter Amberg fing Fische im Westerbrach, hielt sie dann in einer Badewanne, nach "spätestens drei Tagen schwammen die mit dem Bauch nach oben". Was die Blagen damals nicht wussten, Stichlinge überleben nur in Fließgewässern. Am Westerbach wurden auch Nagetiere gehalten und gezüchtet. Nutria, die einst aus Amerika nach Europa gebracht wurden, züchteten einige Bewohner im Westerbach. Sie wurden gehalten in den Rohren, die unter den Übergängen zu den Gärten lagen, vor denen Gitter gesetzt wurden. Parallel dazu verliefen Drahtverhaue, welche die kleinen Pelztiere im Zuchtbereich hielten. Wie Karnickel wurden auch die Nutria geschlachtet und verspeist, "gefressen" von den Haltern, wie es am Ort meist hieß. Sie brachten gute Pelze und angeblich schmackhaftes Fleisch. Anfang bis Mitte der 50ger Jahre wurde im Ort die Tierhaltung reduziert. Mit Unterstützung des Pütts gab es die ersten Urlaube von 14 Tagen in Stadtprozelten am Main oder auf Borkum, die Ersten brüsteten sich mit Reisen im gebraucht gekauften VW oder dem Motorrad nach Süddeutschland. Nutztiere wurden lästig. Die Bergleute hielten keine Hausschweine mehr, dann auch keine Karnickel oder Hühner, auch die Zucht der Pelztierchen wurde am Westerbach eingestellt. Die Lebensverhältnisse veränderten sich. Und dann wurden auch Bäche irgendwann im Ort als überflüssig angesehen und verrohrt unter die Erde verlegt. Naturschutz wurde vernachlässigt. Statt der Idylle eines Baches sahen die Bewohner nun eine Tankstelle, entsprechend dem Zeitgeist. Ihr folgte ein Getränkemarkt. Dann standen über dem verrohrten Bach Schilder mit dem Text: "Hier baut Tengelmann." Der Wind brach die Schilder weg. Dass hier einst Fische in einem klaren Bach lebten und Pelztiere aus Amerika gehalten wurden, das wissen inzwischen immer weniger Menschen. Geblieben ist von dem Bach nur der Name Westerbach-Straße.

(C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN