Unsere Kindheit am Stimberg

Wenn das Postfahrrad vor Böttcher in Klein-Erkenschwick stand...
... dann landete ein Brief auch schon mal im falschen Kasten

von Hans Dieter Baroth

„Der Soethe ist da", hieß schon im Krieg der Informationsruf an die Kinder um den Markt in Klein-Erkenschwick. Sein Postfahrrad, mit vielen kleinen Päckchen beladen, lehnte an dem Geschäftshaus von Stegemann.

Vom Soethe war aber nichts zusehen. Er brachte die Briefe in die Häuser, plauderte hier und dort und nahm dabei so manchen Eingeschenkten zu sich. Da sei er wie ein Fisch, sagten die Erwachsenen.

Albert Soethe, Albert Wiehn, Franz Gebauer, Josef Hockenbrink, Ignatz Berloznik, F. Tappe

Während dieser Zeit betrachteten die Kinder die interessanten meist fremdländischen Briefmarken. Sie waren oft auffallend anders als die deutschen mit dem Porträt von Adolf Hitler.

Väter schickten Briefe oder gar Päckchen aus fernen Ländern, in denen sie als Soldaten stationiert waren. Die Blagen entwickelten eine gewisse Kenntnis, viele konnten noch nicht lesen, deshalb orientierten sie sich an den Briefmarken. Denn bald wusste fast jedes Kind, welche aus Frankreich, Italien oder Belgien war.

Arnold Mlodzian von der Stimbergstraße, damals noch im Kindergarten, lief jeweils zur Mutter und kündigte ein Päckchen vom Vater an, an den Briefmarken hatte er erkannt, dass eine Sendung aus Frankreich dabei war.

Während der Soethe einen zu sich nahm, versuchten besonders wagemutige Jungen, die Briefmarken von den Päckchen zu entfernen, was selten gelang. Warteten nach der Ankündigung durch Kinder die Eltern mal sehr lange, wurde der Junge erneut zum Markt geschickt, er solle sehen, wo der Briefträger bleibe.

Neuer Standort schnell ermittelt

Auch der neue Standort war schnell ermittelt, das Fahrrad vom 5oethe stand an der Wand von Böttcher gelehnt. Er hat sich einen genommen und war länger an der Theke stehen geblieben. Deshalb wurde nach dem Mittag auch so mancher Brief an die falsche Adresse geliefert. Die Empfänger unrichtiger Briefe wechselten sie jeweils aus an die richtige Adresse. Das nannten sie tätige Nachbarschaftshilfe.

Hinter dem Postschalter saß der Berloznik. Trat jemand an seinen Schalter, schaute er jeden Postkunden intensiv an, musterte ihn freundlich, aber mit Schalk in den Augen. Die Menschen mochten ihn. Der Berloznik hatte meist eine ironische Bemerkung über die Zeitläufe parat. Seine Postmütze mit dem Reichsadler und dem Hakenkreuz daran lag hinten auf einem Regal.

Unruhe in das Leben kam lange nach dem Krieg. Als die Menschen begeistert von der Mondbesteigung waren, klaute auf der Von-Waldthausen-Straße ein Bursche die gesamte Post aus dem Schiebewagen des Beamten: Er durchsuchte sie nach Geld, fand aber nichts. Die gestohlenen und geöffneten Briefe verscharrte der jugendliche Dieb hinter dem Freibad in der Haard.

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