Unsere Kindheit am Stimberg

Bergleute konnten sich warm duschen
von Hans Dieter Baroth

Kinder entwickelten einst List und Tücke, um „Vati" Bach auszutricksen

Thermometer waren unbekannt. Zwar gab es Fiebermesser, aber die hatte gelegentlich nur ein Nachbar. Um Fieber zu messen, wurde das Fieberthermometer ausgeliehen. Ansonsten genügte in den kalten Wintern nach dem Krieg ein kundiger Blick am Morgen auf die Eisblumen am Fenster. Oft waren sie so intensiv gezeichnet, so, dass Tageslicht nur matt wahrzunehmen war.

Eine Institution in der Stadt: Bademeister Walter „Vati" Bach (1898-1954).

Jedes Kind versuchte am Morgen so lange wie möglich unter dem Oberbett liegen zu bleiben. Wer aus der Familie zur Arbeit musste, legte Feuer in dem erkalteten Küppersbusch. Ein Fetzen Zeitung, darauf dünnes Holz, brannte es, kamen die ersten Kohlen dazu.

Aber die Wohnung blieb kalt, insbesondere das Schlafzimmer, der Hausflur und das Plumpsklo glichen Eiskammern. Jungen und Mädchen trugen lange kratzende Wollstrümpfe. Mädchen und Jungen bekamen ein so genanntes Leibchen um den Oberkörper.

Niemand kannte einen Föhn

Die Strümpfe wurden an Gummibändern zum Leibchen festgemacht, ein Knopf oder manchmal sogar ein Groschen hielten das obere Ende des Strumpfes. Bei Jungen und Mädchen blieb eine Handbreit am Oberschenkel frei, an der Steile froren die Kinder während der Wintertage. Klosetts waren verstopft wegen des Eises; in öffentlichen Gebäuden platzten die Heizungsleitungen.

Bergleute wurden beneidet. Ohne sich zu waschen, verließen sie zur Morgenschicht die Wohnung. Aber nach der Arbeit duschten die Männer lange und ausdauernd in der Kaue. Viele wärmten sich hier auf. Auch unter Tage war es außerhalb des Füllortes meist gemäßigt warm. Bergleute hatten es gut. Niemand kannte zu der Zeit einen Föhn.

Wegen der Kälte draußen hielten sich die Väter länger in der Kaue auf, damit das Haar trocknet. Mit Mütze auf und Schal um den Kopf gingen sie dann gewärmt nach Hause. Ihre Kinder versuchten sich, in jenen Jahren in der Badeanstalt nahe der Ewald­Schule aufzuwärmen. Auch unter der Dusche: Doch Walter Bach (1898-1954), Vati Bach gerufen, dort Bademeister, trieb die Blagen sogar mit einem Rohrstock unter der Dusche weg in das zu kalte Nass des Schwimmbeckens. Für ihn war die Dusche, von uns .Brause genannt, nur zur Reinigung da.

Das sahen die vor Kälte zitternden Kinder anders. Sie entwickelten viele List und Tücke, Vati Bach auszutricksen, galt es, länger unter der wärmen Dusche zu stehen. Im Vorteil waren Zwillinge. Wollte Vati Bach den einen verjagen, behauptete er, gerade erst gekommen zu sein, er verwechsle ihn mit dem anderen Zwilling, der habe vorher unter der Brause gestanden. Trotzdem sauste gelegentlich sein Rohrstock auf nackte Kinderbeine.

 

(C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN