Unsere Kindheit am Stimberg

Als der Böttcher hinterm Tresen stand
von Hans Dieter Baroth

Bewohner bezeichneten den Bereich vor dem Gasthaus als „Kranzplatte"

Das Gasthaus Böttcher ist ein Monument der Ortsgeschichte. Blieben im Sommer im Lichtspielhaus die Seitentüren des Saales geöffnet, wurde die verzerrte Stimme des Wochenschausprechers weit über den Klein-Erkenschwicker Markt gehört.

Es lag an der Technik. Und auch daran, dass NS-Propaganda besonders laut eingestellt war. Vor der NS-Zeit nannten die Bewohner den Bereich vor dem Gasthaus Böttcher Kranzplatte. Auf der Kranzplatte trafen sich täglich die vielen Arbeitslosen. Es wurden selbst gedrehte Zigaretten geraucht und Gerüchte verbreitet.

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes ging das Gebäude wegen seiner zentralen Lage an die Alliierten. Die Propagandastimme war erfreulicherweise nicht mehr zu hören. Nach dem Krieg blieb das Kino auf Anweisung der Besatzungsmacht zunächst geschlossen.

Im Gebäude Böttcher richteten die Soldaten für sich eine Küche ein. Sie lebten gut, so mancher Brocken Fleisch, ein Weißbrot oder eine Zigarettenkippe fielen ab für die Hungernden. Kinder umlungerten den Seitenausgang zur Klein-Erkenschwicker Straße, immer hungrig, bereit sich um ein weg geworfenes Weißbrot zu balgen. Die Not nahm ihnen die Würde.

Sicherlich werden die Briten im Hause das Lokal recht kritisch bewertet haben. Der frühere Wirt Böttcher galt als Deutschnationaler. Er hatte einen kräftigen Nacken, ein rötliches Gesicht, mit wenigen Auserwählten ging er in den Feldern des Bauern Flögel auf Hasen- und Rebhuhnjagd. Wer durfte im Ort ansonsten Waffen tragen? Mit den toten Tieren am Gürtel kam er stolz die Engelbertstraße herauf.

Kampfbilder aus der Kolonialzeit

An der dunklen Südwand der Gastwirtschaft Böttcher hingen imponierende Kampfbilder aus der deutschen Kolonialzeit. Irgendwelche Einheiten kämpften, wohl unter Lettow-Vorbeck, gegen die Schwarzen. Die Kolonialtruppen auf den künstlerisch schlecht gemalten Bildern trugen sandfarbene Wüstenuniformen, an den großen Hüten rankten sich um war eine Krempe hochgesteckt. Uns Kindern imponierten die Blut-und-Boden­gemälde.

Auch der alte Böttcher war für uns eine imponierende Gestalt, wenn er hinter dem Tresen stand und Bier zapfte. Die Trinker hatten dabei das Gefühl, er leiste ihnen eher eine Gefälligkeit, als dass er das Bier verkaufte.

Als eine Tochter noch im Krieg einen Offizier heiratete, war die Kranzplatte dicht gefüllt mit Neugierigen. Mehrere dekorierte Offiziere nahmen daran teil, der Schwiegersohn ritt auf einem Pferd hinter der offenen Kutsche mit der Braut darin. Wie armselig waren dagegen die Bergmannshochzeiten.

Das alles ist Geschichte ­ wie das Lichtspielhaus, in dem die Kinder ihren ersten Film sahen.

 

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