Unsere Kindheit am Stimberg

Sonntagsspaziergang zur Holtgarde
von Hans Dieter Baroth

Misslaunig ging es die Klein-Erkenschwicker Straße in Richtung Rapen

Sonntags wurde die Festkleidung angelegt. Der Vater trug einen schwarzen Anzug mit Weste, die Mutter ein geblümtes Kleid mit einer Schleife, die Jungen wurden ausstaffiert: Dunkelblauer Anzug mit jeweils kurzer Hose und weißen Kniestrümpfen. Wir hassten die Aufmachung.

Der Sonntagsspaziergang führte von der Engelbertstraße zur Holtgarde. Vorbei am Lichtspielhaus Böttcher. In der Christus-König-Kirche wurde um 15 Uhr zur Andacht geläutet. Pfarrer Reckmann hatte uns eingebläut: „Du sollst an den Sonntagen eine hl. Messe mit Andacht hören." Als Kind glaubte ich, er habe die Andacht um 15 Uhr gemeint.

Und hatte ein schlechtes Gewissen, wegen der Holtgarde. Misslaunig ging es die Klein-Erkenschwicker Straße hinab Richtung Rapen. Vorbei am Sarglager Schmülling, dort erhöhten wir unabgesprochen die Schrittgeschwindigkeit. Unten im Tal lagen rechts und links mehrere Bauernhöfe. Auf einer leichten Anhöhe hinter der Weidenstraße war ein Busch zu sehen. Durch ihn floss der Hilgenbach Richtung Stickstoffwerk. Die letzten Gehöfte rechts und links vor Rapen waren der des Bauern Sebbel links und Stimberg  rechts.

Wiesen grenzten an das Stickstoffwerk. Sie wurden abgelöst von Klärteichen, links in den Weiden erhoben sich die Gasometer. Davor grasten Kühe, ein kontrastreiches Bild von Landwirtschaft und Industrie in friedlicher Eintracht. 

Als der Gasometer während der Kriegszeit explodierte, gab es einen dumpfen harten Knall, ihm folgte eine Druckwelle, einige glaubten, die Erde habe sich leicht erhoben. So als habe die Welt gerülpst. Während der verhassten Spaziergänge waren die einst schwer beschädigten Häuser wieder aufgebaut. Das erste Haus in Rapen hob sich von der Bauart ab von den Koloniehäusern.

Viele „Kunden" In der „Kreide"

Heinz Röthig betrieb darin einen Friseurladen. So mancher Rapener bekam hier als Kind seinen ersten Haarschnitt. Im selben Haus gab es noch das Lebensmittelgeschäft August Stegemann.

Wo viele „Kunden" in der Kreide standen. So hieß es, wenn nicht bezahlt werden konnte. Schräg gegenüber, vor der Kulisse des Stickstoffwerkes gab es eine Verladestelle. An der Litfasssäule davor wurden mangels Angebot in der Nachkriegszeit keine Werbeplakate geklebt.

Im restlichen Weg auf der Klein-Erkenschwicker-Straße und den von ihr abzweigenden Straßen links, leicht ansteigend, hätte ein Ortsfremder alle als gleich gesehen: Die Koloniehäuser waren damals grau, die Gärten dahinter kärglich bestellt. Die Holtgarde war erreicht. In einem Vorgarten standen kleine kirmesbunte Gartenzwerge. Um die zu sehen, waren wir durch den Ort gewandert.
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