Unsere Kindheit am Stimberg

  

Auf Entdeckungstour
von Johannes Vonnahme

Etwa vier Wochen nach unserer Einschulung glaubten wir, schon alte Hasen zu sein. Nur wussten wir nicht, wie der Hase läuft. Wir begannen mit der Erkundung unserer Umgebung. Ziel unserer Entdeckungstour war, den Handwerkern und den Kaufleuten über die Schultern zu schauen oder besser gesagt von der Seite zu beobachten.

 

 

 

 

Unsere erste Station war bei Sondermann an der Marktstr. 14. Dort war ein kleines festes Gebäude. Die Sondermanns verkauften Obst und Gemüse. Manchmal bekamen wir einen Apfel oder einen Kohlrabi geschenkt. Die Sondermanns zogen später zur Stimbergstraße.

Jetzt übernahm der Bäcker Clemens Beckmann den Laden und verkaufte Brot, Gebäck und Kuchen. Gegenüber, an der Markstr. 5, hatten die Polstermeister Theo und Sohn Theo Bergfort ihre Werkstatt. Hier sahen wir, wie Polstermöbel repariert wurden. Das Wohnhaus war an der Frontseite mit einer schönen Balkenkonstruktion versehen und strahlte Gemütlichkeit aus.

An der Marktstr. 6 war die Schmiede meines Großvaters, August Vonnahme. Mein Opa war 1941 verstorben. Die Schmiede blieb aber im alten Zustand. In Nähe der Feuerstelle war ein riesiger Blasebalg mit 2 Luftkammern. Etwa eineinhalb Meter von der Feuerstelle stand der große Amboss. Meine Großmutter, Maria Vonnahme, führte das Geschäft. Im Angebot waren Küppersbusch-Küchenherde, Waschmaschinen aus Holz mit Handantrieb oder mit Wassermotor, Haushaltswaren, Schlüssel und Porzellan. In der Erntezeit wurden zwei Kappeshobel und zwei Schnibbelbohnen-Maschinen verliehen. Nach einigen Jahren übernahmen mein Onkel und meine Tante das Geschäft. Das Sortiment wurde dann der Zeit angepasst.

Josef Beckmann hatte an der Marktst. 4 sein Schuhgeschäft. Im Anbau war die große Werkstatt. Die Werkstatt konnten wir nicht besichtigen, da das hohe Einfahrtstor immer verschlossen war. (Der kranke Heiner sollte sich nicht entfernen). Im Geschäft bekamen wir die bunten Hefte über die Abenteuer des Salamanders Lurchi.

Nebenan, Marktstr. 2, war das Lebensmittelgeschäft der Firma Hill. Hier kauften wir uns für wenige Pfennige die kleinen Tüten mit Brausepulver und Knickersprudel.

Hinten im Hof war die Schreinerei von Johann Pöter und Heinrich Schmülling. Im Erdgeschoss war der Maschinenraum. Im Obergeschoss waren die Hobelbänke, Werkzeugschränke und ein Leimofen. Wenn die Maschinen liefen , mussten wir mit großen Abstand davon stehen bleiben. Da der Lärm so gewaltig war, gingen wir lieber ein Haus weiter.

Das Nachbarhaus, ein Eckhaus, gehörte der Familie Rahmacher und gehörte schon zur Stirnbergstraße Nr. 100. Josef Spiekermann hatte dort seinen Laden mit Textilien. Er verkaufte Krawatten, Knöpfe und Nähzubehör. Für uns Jungen war das höchst uninteressant. Im Hinterhof hatte der Sattler Herbert eine kleine Werkstatt.

Heinrich Schumacher hatte an der Stimbergstr. 98 seine Drogerie. Für ein paar Pfennige kauften wir hier Süßholz. Hinter der rechten Eingangstür befand sich ein Tabakladen. Im Hinterhof war eine Klempnerwerkstatt. Der Meister arbeitete mit einem Karbidbrenner.

Ein Haus weiter, Stimbergstr. 96, konnte man Fahrräder und Haushaltswaren bei Rudolf Schroer kaufen. Im Hinterhof war die Werkstatt für Fahrrad-Reparaturen. Als Geselle war Hildemar Böhm hier beschäftigt. (Später hatte Hildemar Böhm an der Ewaldstr. eine Tankstelle). Mit großer Aufmerksamkeit sahen wir bei der Arbeit zu, denn wir wollten später auch „ Schrauber " werden.

 

 

 

 

 


                     Bäckerei v. Scheven

Im nächsten Haus, Stimbergstr. 94, war die ehemalige Bäckerei von Scheven. Hier wurde nichts mehr produziert. Wir Kinder kletterten oft auf dem Bäckerwagen herum. Später eröffnete der Bäcker Prein hier einen kleinen Verkaufsladen.

Dr. Lutzmann hatte im Haus Stimbergstr. 92 seine Zahnarztpraxis. Wenn wir eine Zahnbehandlung heldenhaft überstanden hatten, bekamen wir vom Dr. Lutzmann ein bis zwei Bonbons. Der arme Mann lebte ja auch nur von der Hand in den Mund.

August Bussmann hatte seinen Frisiersalon an der Stimbergstr. 90. Ein französischer Kriegsgefangener war tagsüber hier beschäftigt. Abends musste er wieder ins „ Lager Stalingrad ".


Wenn ich mich nicht irre, waren im Haus-Nr. 88 der Uhrmacher Heinrich Micke und der Elektromeister Karl Vogel.

Im Schaufenster des Uhrmachers Heinrich Micke war folgender Spruch: „Macht deine Uhr nicht ticke, ticke, so bringe sie zu Heinrich Micke ".

Die Bäckerei und Konditorei mit Cafe' der Familie Frye war an der Stimbergstr. 86. Wenn wir großen Hunger hatten, kauften wir uns schon mal ein trockenes Brötchen. Auf der anderen Seite der Stimbergstraße sahen wir uns nur noch wenige Geschäfte und Betriebe an.

An der Stimbergstr. 101 war das Lebensmittelgeschäft von Heinrich Wyink. Die Ladeneinrichtung war urig. Es war ein „ Tante-Emma-Laden ". Die Schubladen waren für Mehl, Zucker, Sago, Salz und alles vorgesehen, was man heute kaufen kann. Aber meistens waren diese Artikel während des Krieges und in der ersten Nachkriegszeit nicht vorrätig. In einem großen Fass waren eingelegte Heringe. In dem zweiten Fass war Sauerkraut. Heini Wyink hatte für uns immer ein paar Lakritze übrig, Sein Bruder, Bernhard, hatte hinter dem Haus eine größere Tierhaltung. Hier sahen wir viele Schweine, Hühner, Enten und anderes Kleinvieh.

Zwei Häuser weiter, Stimbergstr. 105, war die Metzgerei von Heinrich Weber. Das Tor zur Hofeinfahrt war immer verschlossen. Zwei riesige Doggen hatten hier ihr Revier.

Im Haus Nr. 107 war das Buch- und Papiergeschäft von Josef Baum. Dort kauften die Eltern unsere erste Schultafel, Griffel und Schwamm. Später wurden Schreib- und Rechenhefte, Federhalter und Schulbücher gekauft.

Unsere letzte Station war an der Stimbergstr. 111 bei der Familie Becker. Vorne im Wohnhaus befand sich eine Sparkasse. (Später zog hier die Fahrschule Borchwald ein). Hinter dem Wohnhaus war ein großes Gebäude mit einer elektrisch betriebener Getreidemühle. Herr Holtrichter, ein älterer Mann, bediente diese Mühle. Hier sahen wir oft und gerne zu. In einem Nebenraum lagerten Berge von Kunstdünger und ähnliche Mittel für die Landwirtschaft. Besonderen Spaß hatten wir dann, wenn wir diese Berge hinunter rutschen durften. Dabei ging es manchmal ziemlich laut zu. Doch Herr Holtrichter freute sich mit uns.

Alle vorgenannten Handwerker und Kaufleute haben uns auf unsere naiven Fragen gerne und ausführlich Auskunft erteilt. Sie sahen wohl in uns schon die Kunden von morgen.
Zur nächsten Seite

(C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN