Unsere Kindheit am Stimberg

  

Kriegsjahre
von Johannes Vonnahme

Wie meine Eltern mir später sagten, war es bis September 1939 in Oer-Erkenschwick beschaulich. Ein wahnsinniger Adolf Hitler aber wollte den totalen Krieg. Väter, Söhne und andere junge Männer wurden als Handlanger Hitlers in den Krieg eingezogen. Im Rahmen der materiellen Bedarfsdeckung wurden die Personenkraftfahrzeuge und die Lastkraftwagen eingezogen. Auf den Straßen in Oer-Erkenschwick sah man selten ein Kraftfahrzeug. Für den Transport von Kohlen, Kartoffel, Rüben und anderen Waren aller Art wurden Pferde mit Flachwagen, Leiterwagen und Wagen mit Kippvorrichtungen eingesetzt.

Schon im Jahr 1940 wurde es beängstigend unruhig in der kleinen Gemeinde. Die Bomber der Alliierten warfen gezielt oder wahllos die Bomben ab. Wir hatten imHause Marktstr. 6 keinen ausgewiesenen Luftschutzraum. Wir benutzten den gemeinschaftlichen Luftschutzkeller bei Rahmacher, Ecke Marktstraße / Ecke Stimbergstr. 100. Im Sommer 1940 haben wir eine ganze Nacht in diesem Keller verbracht. Immer wieder kam es zu gewaltigen Einschlägen. Die Frauen beteten den Rosenkranz. Je schlimmer es knallte, desto lauter wurde gebetet. Als es in den Morgenstunden wieder ruhiger wurde, führte uns unsere Mutter wieder nach Hause. Wir mussten die Straße benutzen, denn bei Beckmann war ein großer Bombentrichter. Mit einer Regelmäßigkeit wurden wir draußen beim Spiel unterbrochen und mussten in den Keller.

Dieser Zustand änderte sich auch nicht nach unserer Einschulung. Hunderte von Schulstunden und Schultage fielen wegen der Gefahrensituation aus. Einen Vorfall kann ich nicht aus meinem Gedächtnis löschen. Wir Schulkinder waren auf dem Weg zum Bunker Stimbergstr. / Knappenstraße. Kurz vor der Brücke der Zechenbahn näherte sich uns ein feindlicher Tiefflieger. Wir Kinder mussten die tiefe Böschung hinunter rutschen, um uns in Sicherheit zu bringen.

Der Aufenthalt im Freien war gefährlich. Trotzdem weckte man in uns Emotionen, etwas für die Soldaten an der Front zu tun. So suchten wir während der Schulzeit Huflattich und Spitzwegerich als Heilkräuter für die Soldaten. Unter den Eichenbäumen sammelten wir die Eicheln auf. Die Eicheln sollten gemahlen und geröstet, den Muckefuck der Soldaten verlängern. Eine andere Sache gefiel uns Jungen gar nicht. Wir mussten im Klassenzimmer aus alten Wollstücken die Wollfäden zupfen. Aus dem gewonnenen Material sollten Decken und Wintermäntel für die Soldaten gewirkt werden.

Im Sommer ging die ganze Klasse auf den Kartoffelacker, um Kartoffelkäfer und deren roten Larven zu sammeln. Unser Lehrer meinte, dass die Amerikaner die Tiere vom Flugzeug hier abgeworfen hätten.

In Oer-Erkenschwick kam es zu Straßensammlungen. Personen vom Winterhilfswerk verkleideten sich als Märchenfiguren und sammelten Geld. Für eine Spende von fünfzig Pfennig erhielt man ein buntes Spendenabzeichen. Während des Krieges gab es schon


Schlachtfest

Lebensmittelmarken. Die Lebensmittel waren knapp, oder mal wieder nicht vorrätig. Meine Oma hatte damals immer zwei Schweine im Stall. Ein Tier wurde natürlich schwarz geschlachtet. Dieses erledigte der Hausschlachter Ede Hauske. Das Schwein durfte nicht zu lange draußen an der Leiter hängen. Schon bald wurde das Schwein mit Leiter nach unten in die Waschküche getragen. Nach dem Zerlegen des Tieres wurden alle Hausbewohner zu einer kräftigen Mahlzeit eingeladen.

Bis Ende März 1945 war die amerikanische Armee schon in unsere Region vorgedrungen. Am 01.04.1945, es war Ostersonntag, sahen wir die ersten amerikanischen Soldaten in Groß-Erkenschwick. Großes Motorendröhnen lockte uns Nachbarkinder zur Stimbergstr. 111. Wir standen gegenüber von der Mühle Becker. Eine riesige Fahrzeugkolonne der amerikanischen Armee bewegte sich in Richtung Horneburger Straße. Wir sahen zum ersten Mal im Leben farbige Menschen. Die größten Fahrzeuge, wie Sattelschlepper oder Amphibienfahrzeuge, wurden von farbigen Soldaten gefahren. Wir Kinder hatten wohl einen komischen Gesichtsausdruck, denn die Soldaten lachten über uns. Ein oder zwei Tage später hatten amerikanische Soldaten ihre Fahrzeuge als Wagenburg auf dem Rathausplatz abgestellt. Wir Kinder bekamen von den farbigen Soldaten Kekse, Schokolade und Bananen geschenkt. Die Soldaten mit weißer Haufarbe verhielten sich uns gegenüber reservierter.

Beim Spielen auf dem Hinterhof bei Rahmacher wurde ich Zeuge folgenden Vorkommnisses: Zwei amerikanische Soldaten durchsuchten die Wohnungen des Hauses Rahmacher. Sie suchten nach Fotoapparaten und Waffen. Zwei weitere Soldaten zwangen zwei Bewohnerinnen, die mit dem Rücken zur Wand standen, Aussagen über den Besitz der Sachen zu machen. Dabei waren die Maschinenpistolen auf diese Frauen gerichtet. Die amerikanische Armee hatte den Weg für die Engländer freigemacht. Die Engländer trafen etwas später in Oer-Erkenschwick ein. Nun wurden Wohnungen und Häuser vom Engländer besetzt. Auch der Saal der Wirtschaft Welter wurde beschlagnahmt. Die Zustände wurden immer chaotischer. Am „ Weißen Sonntag" sollte meine Erstkommunion sein. Das Ereignis wurde aber auf unbestimmte Zeit vertagt. Wir hatten ja keine ordentliche Bekleidung. Ein Onkel von mir, der früher aus dem Krieg kam, spendete seinen Wehrmachtsmantel. Dieser wurde auseinander getrennt und dunkelblau gefärbt. Der Schneidermeister Franz Schmülling von der Schmalenstraße zauberte davon einen schönen Kommunionanzug. Die Not schweißte die Bürger zusammen. Bis zum Kriegsende sollte es noch ein paar Wochen dauern. Aber jeder war erst mal froh, dass er den sinnlosen Krieg überlebt hatte.

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