Unsere Kindheit am Stimberg

  

Zum Stimberg
von Johannes Vonnahme

Es kam schon damals einmal vor, dass eine Person verstarb. Dann gab es zwei Möglichkeiten, um Abschied von dem/der Verstorbenen zu nehmen. Entweder blieb die Leiche drei Tage in der Leichenhalle, oder sie blieb drei Tage im Haus der Hinterbliebenen.

Ein Raum wurde verdunkelt. Schwarze Tücher wurden gespannt. Die Leiche wurde im offenen Sarg aufgebahrt. Rechts und links vom Sarg stellte man langstielige Buchsbaum- oder Lorbeergewächse und hohe Kerzenständer auf.  So konnten die Hinterbliebenen bei Gebeten drei Tage lang Abschied nehmen.


Waldfiedhof

Am Tage der Beisetzung fand in der Kirche ein Seelenamt, oder eine Totenandacht statt. Anschließend setzte sich der Trauerzug in Rich­tung Friedhof in Bewegung. Der Leichenwagen wurde von zwei Rappen gezogen. Hinter dem Leichenwagen folgten die Hinterbliebenen, der Geistliche und wir Messdiener. Das Weihrauchfass und Weihrauchschiffchen wurden mitgeführt. Wir legten immer kräftig Weihrauch nach, um eine große orientalische Duftwolke zu hinterlassen. So kam es zur Beweihräucherung der Stimbergstraße.

Nach der Beerdigung gingen die Hinterbliebenen und die anderen Trauergäste in ein ausgesuchtes Lokal. Dort gab es Kaffee und Beerdigungskuchen (Streuselkuchen).

Einige Männer aus der Nachbarschaft und die Arbeitskollegen des Verstorbenen besuchten eine andere Gastwirtschaft, um das „ Fell des lieben Verstorbenen zu versaufen ". Dieses Ritual uferte manchmal aus. Die Männer kamen erst spät am Abend nach Hause. Oft ging unterwegs ein Zylinder verloren.

Wenn man eine Person lange nicht mehr gesehen hatte, so wurde zum Beispiel nach Heini gefragt. Darauf hieß die Antwort: Ja, weißt du das denn nicht, den haben sie letzte Woche zum Stimberg gebracht.

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