Erinnerungen an die Schulzeit

 
Jugendzeltlager am Halterner Stausee
 

Eine besondere Attraktion für unsere Schule war das Jugendzeltlager in Haltern, welches 1946, vom 20. bis 27. September, zum ersten Mal stattfand und sich in den Folgejahren stets wiederholte. Wir Schüler schwärmten das ganze Jahr davon.

  „Komm zu uns an das flackernde Feuer, 
in die Berge bei stürmischer Nacht! 
Schirm die Zelte, die Heimat die teure, 
komm und halte mit uns treue Wacht. " 

So begann Karl Kollmann einen Bericht über das Jugendzeltlager in Haltern im „Vestischen Kalender" von 1951. Des weiteren schrieb er seinerzeit, dass er vor  mehr als einem halben Jahrhundert in seiner einklassigen Dorfschule den „Robinson" gelesen habe und dass er und seine Kameraden aus alten Säcken Zelte bauten, um es ihm gleichtun zu wollen. Diese liebe Jugenderinnerung trete ihm immer lebhaft vor die Seele, wenn er mit einer Klasse nach Haltern ins Zeltlager fahre. 

Es war sicherlich nicht nur diese Robinsonromantik, die ihn dazu beflügelte, während seiner Ferien mit der Klasse ins Zeltlager zu fahren, sondern auch die allgemeine Not, die damals herrschte. Ferner lag es ihm sehr am Herzen, mit seinen Schülern die nähere Heimat zu erforschen, die sie, bedingt durch den Krieg, vielfach leider noch nicht kannten.

Er war stolz darauf, dass es ihm als erstem Lehrer nach dem Krieg gelungen war, mit der ganzen Klasse ein solches Unternehmen veranstalten zu können. Am 20. September wurde die erste Fahrt gestartet. Ja, es waren in der Tat noch schlechte Zeiten. Die Schüler fuhren nicht mit einem Autobus, sondern wurden auf einen LKW geladen, der mit einer Plane abgedeckt war. Wie schlecht die Zeiten noch waren, konnte man daran erkennen, dass jeder Teilnehmer folgende Lebensmittelkarten mitbringen musste: 100 g Fleisch, 2000 g Brot, 125 g Zucker, 97,5 g Fett, 2000 g Kartoffeln und eine Nährmittelkarte der Woche. Ferner waren 15 Reichsmark und 1,30 RM für die Fahrt zu entrichten.
In den späteren Jahren fuhr man dann natürlich mit dem Bus; die Teilnahme kostete dann für 14 Tage 20 DM. Das Zeltlager in Haltern wurde bis kurz vor dem Ausscheiden von Karl Kollmann aus dem aktiven Lehrerdienst eine ständige Einrichtung.  

Der Ablauf des Zeltlagerlebens 
Ja, man startete des Morgens von der Schule Oer mit dem Bus bzw. LKW in Richtung Haltern. Unterwegs wurden zünftige Lieder gesungen. In Haltern angekommen, erschallte, wie bei anderen Gelegenheiten auch, der Oerer Ankunftsgesang:
 

                                        Die Oerer, die sind da, trara, trara! 

Der Zeltplatz lag östlich von den Seeterrassen auf einer Halbinsel, die an dieser Stelle in den See hineinragt, mitten im Wald. In den Seeterrassen gab es einen größeren Aufenthaltsraum für Schlechtwettertage, auch war hier die Küche untergebracht.
Auf dem Zeltplatz standen sieben Zelte; links die für die Jungen und rechts die für die Mädel, in der Mitte das Zelt unseres „Häuptlings" Karl Kollmann. Es handelte sich um Zelte ohne Boden, wahrscheinlich aus militärischen Beständen. Daher wurde der Boden auf der Schlafseite zunächst mit Stroh ausgelegt. Darauf kam dann eine Feldliege. Von zu Hause musste jeder eine Auflage aus gebundenem Stroh mitbringen, damit es einigermaßen erträglich warm war. Neben vielen Utensilien musste jeder auch einen Hocker als Sitzgelegenheit mitbringen.


Der Tagesablauf 
Des Morgens um 7 Uhr war großes Wecken. Unser „Häuptling" stimmte hierzu den Kanon an:

                                            Wachet auf, wachet auf...

Daraufhin kamen die Jungen und Mädel teils frisch, teils noch verschlafen aus ihren Zelten heraus. Danach folgte der allmorgendliche Frühsport mit Freiübungen. Dann ging es in Gruppen zum See bzw. zu den Seeterrassen, um sich unter kaltem Wasser zu waschen. Spätestens nach diesem Wechselbad waren alle wieder frisch.
Nachdem die Zelte aufgeräumt waren, stand um 8 Uhr das Frühstück bereit. Es gab 1/2 Liter Milchsuppe, 1 Brötchen und 4 Scheiben Brot mit Wurst und Käse belegt. Es schmeckte uns vorzüglich.
Bis zum Mittag konnte nun jeder tun, wozu er Lust hatte. So wurden Ballspiele, Völkerball, Schlagball und Fußball gespielt. Die Mädel übten Volks- und Bauerntänze ein, sprangen Seilchen, erzählten, lasen und sangen Lieder.

Die Jungen spielten, wie konnte es auch anders sein, oftmals Indianer, und so kam es, dass sich einige mit Namen wie Weißer Adler, Schwarzer Panther, Grauer Wolf, Coyote usw. schmückten. Um 12 Uhr gab es Mittagessen. In der Regel bekamen wir einen Eintopf; einige Kinder bekamen Sonderverpflegung. Nach dem Essen war es üblich, eine Mittagsrast zu machen. Für eine Stunde herrschte nun absolute Ruhe. 15 Uhr gab es den Nachmittagskaffee: Kakao oder Kaffee mit 4 Schnitten Brot und Marmelade, sonntags gab es 3 große Stücke Kuchen. 

An den Nachmittagen wurde der Halteraner Raum erwandert: die Westruper Heide, der Annaberg, die Jugendherberge, die Fischreiherhorste in Sythen, die Borkenberge usw. waren unser Ziel. Ebenso wurden heimische Betriebe, wie z. B. die Glashütte besichtigt. Bei alledem kam natürlich das Baden im Halterner See nicht zu kurz.
Um 18 Uhr gab es Abendbrot; in der Regel eine dicke Suppe (Nudeln, Gries oder Reis), 2 Scheiben Brot mit Wurst und ein Brötchen. Die Verpflegung reichte in allen Fällen, so dass Nachschub von zu Hause niemals nötig war.

Danach kam der eigentliche Höhepunkt des Tages, unsere gemütlichen Abende am Lagerfeuer, wenn sich alle um die schwelende Glut versammelten.
Jeder dieser Abende stand unter einem besonderen Motto. Es wurden Volkstänze aufgeführt, Spiele gemacht, Gedichte, Märchen und Gruselgeschichten erzählt sowie Lieder gesungen.
Zum guten Schluss sprach unser „Häuptling" immer ein paar besinnliche Worte, welche uns Kinder nachdenklich werden und schweigend in den Sternenhimmel schauen ließen, der sich zu vorgerückter Stunde im samtigen Dunkel über unseren Häuptern erhob.
Zum Tagesabschluss sangen wir dann die Lieder:   
Ade nun zur guten Nacht ... und Kein schöner Land ...  

Der Abschlussabend stand immer unter dem Leitgedanken der gemeinsamen Freude. Es wurde zu diesem Zweck eigens ein Programm von uns Kindern aufgestellt. Wir tanzten, sangen und spielten mit herzlicher Fröhlichkeit. Dieses war auch wohl der größte Wunsch unseres Lehrers.

Karl Kollmann schrieb dazu:

„Vergesst mit uns für flüchtige Minuten, 
was euer Herz bedrücket und beschwert. 
Denn alles Schöne, das uns Gott gegeben, 
ist auch in tiefer Not noch eine Freude wert. "  


In diesen Tagen in Haltern ließ unser Lehrer Karl Kollmann uns immer besonders viel Freiraum. Trotzdem führte er uns ganz geschickt, ohne dass wir etwas davon merkten. Karl Kollmann bewies immer sehr deutlich, dass er trotz seines Alters und seiner intensiven Beschäftigung mit der VHS und trotz anderer Aktivitäten noch jugendlich genug geblieben war, um im Zeltlager eine wirklich verständnisvolle Leitung auszuüben.

Besonderheiten im Zeltlager 

Ich will hier aus der Vielzahl der Besonderheiten nur einige herausgreifen, die mir besonders erwähnenswert erscheinen.

- Bei meinen Nachforschungen stieß ich auf eine Tabelle, in der die Körpergewichte zu Beginn und am Ende der Zeltlagerzeit eingetragen waren. Im Durchschnitt waren bei den Jungen und Mädeln Gewichtszunahmen von 4 Pfund zu verzeichnen. Unter Karl Kollmann war vermerkt: Beginn 90,5 kg, Ende 87,0 kg = - 3,5 kg. Daraus folgere ich, dass die Aufgabe, die er immer mit viel Freude auf sich nahm, doch wohl letztlich sehr anstrengend für ihn gewesen ist. 

- Besuch aus der Heimat. Da unser Zeltlager nicht sehr weit von Oer entfernt war, bekamen wir auch des öfteren Besuch. Das war immer eine große Freude. Eltern, der Schulrat und sonst Interessierte besuchten uns, um zu sehen, wie es ihren Schützlingen erging. Süßigkeiten, die bei dieser Gelegenheit meistens abfielen, wurden kameradschaftlich geteilt.
 

- Zu Besuch war auch der blinde Rundfunksänger Andreas Espey, der uns die bekanntesten Volkslieder vorsang. Volkslieder, so sagte er uns damals, seien in Melodie und Text direkt aus dem Volk gewachsen. Sie handeln von des Lebens Lust und Leid, von Lieben und Hoffen, von Hungern und Bangen. Ihre Volkstümlichkeit beruhe auf ihrer Schlichtheit und Einfachheit.
 

- Lieder, Verse, Lagerzeitung
Andreas Espey hatte wohl recht, wenn er sagte, die Texte kommen direkt aus dem Volke. Auch im Zeltlager wurden Lieder gedichtet, Tagesberichte und Lagerzeitungen in Versform abgefasst.

Viele Teilnehmer des Zeltlagers werden sich freudig an diese Zeit zurückerinnern. Denn von diesen Erlebnissen, für die wir unserem Lehrer Karl Kollmann nicht genug danken können, zehren wir bis heute und auch in Zukunft noch.


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