50 Jahre "Stadt" Oer-Erkenschwick
1953 - 2003

 

Als "Wir" Stadt wurden
von Hans Dieter Baroth
Wo und wie haben Sie eigentlich die Zeit der Stadtwerdung erlebt? Einer von uns kann sich noch ganz genau erinnern. Und zwar der in Oer-Erkenschwick aufgewachsene Journalist Hans Dieter Baroth. Der jetzt in Berlin lebende Autor unter anderem der beliebten SZ-Sommerserie "Unsere Kindheit am Stimberg" ließ es sich nicht nehmen, anlässlich des Stadtjubiläums eine Sonderfolge zu schreiben. Verbunden mit einem Dank nach Berlin wünschen wir viel Vergnügen bei der Lektüre.

"Wir saßen auf dem Schrottplatz des Pütts in der Butterbude und sprachen über das kommende Wochenende. Da sollte unsere Gemeinde Stadt werden.
Platzwart war Emil Borutta, ehrenamtlich zudem Tambourmajor bei den Seeadlern. Sein Brot in den schwieligen Händen haltend, erzählte Emil Borutta, an der Gaststätte Schultenkrug werde die Urkunde entgegen genommen, denn dort sei die Stadtgrenze.

Unter Willi Winter (r) wurden Oer-Erkenschwick 1953 die Stadtrechte verliehen.

Er sagte nicht mehr Gemeindegrenze. Da sei bestimmt die Presse mit der "Kamerna" dabei. Wir Berglehrlinge wussten sofort, unser Tambourmajor meinte eine Kamera. In der Boshaftigkeit unserer Jugend brachten wir ständig das Gespräch auf den Schultenkrug, wo die mit der "Kamerna" stehen würden.

Am Tag unserer Stadtwerdung schien vormittags die Sonne. Der Westdeutsche Rundfunk machte eine Reportage über die neue Stadt. Reporter war Hasso Wolf, der als Gesprächspartner den Lehrer Jung vor dem Mikrofon hatte. Lehrer Jung, dessen Vornamen niemand nannte, stammte aus Bottrop, er wurde 2. Vorsitzender der Spielvereinigung und unterrichtete an der Stimberg-Schule.

Der Lehrer Jung galt als modern. Das stimmte, er war auch mein Klassenlehrer. In der Lokalzeitung wurde berichtet, Hasso Wolf habe den Lehrer wegen seiner Stimme auserkoren. Im Zentrum der neuen Stadt lag ein Bauerngehöft, umgeben von Wiesen und Feldern. Zurzeit ist es der Berliner Platz. Auf der Straße vor dem Beck-Bauern in Richtung Rathaus stellten sich am Morgen Sportler auf, die dem Bürgermeister Willi Winter entweder die Urkunde oder die Bürgermeisterkette übergeben wollten.

Vorn rechts in der Sportlergruppe stand Heinz Silvers in der schwarzroten Kluft. Hinter ihm Aktive aus anderen Clubs. Mitten auf dem Marktplatz vor dem Rathaus war ein hölzernes Podest gezimmert worden. Den sportlichen Höhepunkt bildete ein Freundschaftsspiel gegen den Deutschen Vize-Meister 1. FC Saarbrücken. Bürgermeister Winter begrüßte die Kicker von der Saar auf dem Spielfeld mit Handschlag. Wir Zuschauer wussten, dass dieser gestandene Bergmann Winter keinen Draht zum Fußball hatte. Aber es war auch sein Feiertag. Der Zweitligist Spielvereinigung unterlag dem Vize-Meister.

Wo in der Gegenwart die Redaktion der SZ arbeitet, stand zu der Zeit kein Haus. Da lag eine grüne Wiese des Beck-Bauern. Auf der Wiese waren Zelte aufgebaut, am Abend wurde kräftig gefeiert, was hieß, dass so mancher nach Hause torkelte. Zuvor sang in einem Zelt eine Schulklasse ein Lied auf unsere neue Stadt. Wenn ich mich richtig erinnere, nach der Melodie der finnischen Nationalhymne."

Stimberg Zeitung (Oer-Erkenschwick) Mittwoch, 04. Juni 2003