Wer schon einmal in der Schweiz war, kennt das: An der Kasse wird selbstverständlich mit dem Smartphone gezahlt, Bargeld ist die Ausnahme. In Deutschland sieht es anders aus. Während hierzulande noch 51 Prozent aller Transaktionen bar ablaufen, sind es beim Nachbarn im Süden nur noch rund 25 Prozent. Der Unterschied hat einen Namen: Twint. Die schweizweite Mobile-Payment-App zeigt, wie digitale Infrastruktur funktioniert, wenn alle an einem Strang ziehen.
Deutschland hängt beim digitalen Bezahlen zurück
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. In Deutschland bevorzugen 44 Prozent der Menschen bargeldlose Zahlungsmethoden, 28 Prozent greifen lieber zu Bargeld. Das klingt nach einer klaren Mehrheit für digitales Bezahlen – doch in der Praxis sieht es anders aus. Tatsächlich werden immer noch 51 Prozent aller Transaktionen bar abgewickelt. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt dieser Anteil nur noch bei rund einem Viertel.
Der Unterschied zeigt sich im Alltag. Während in der Schweiz selbst auf dem Wochenmarkt oder beim Bäcker problemlos mit dem Smartphone gezahlt werden kann, ist das in Deutschland längst nicht überall möglich. 80 Prozent der Geschäfte akzeptieren hierzulande zwar mittlerweile Kartenzahlung, aber bei mobilen Bezahlverfahren wie Apple Pay oder Google Pay sieht es schon anders aus. Viele kleinere Händler setzen noch auf Bargeld – oder akzeptieren nur bestimmte Zahlungsarten.
Twint macht den Unterschied
Das Erfolgsgeheimnis der Schweiz heißt Twint. Die 2016 gestartete Mobile-Payment-App verzeichnete 2024 über 773 Millionen Transaktionen – ein Plus von 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Inzwischen nutzen mehr als fünf Millionen Menschen in der Schweiz die App, das entspricht über der Hälfte der Bevölkerung. Die Akzeptanz ist beeindruckend: 81 Prozent der stationären Geschäfte und 84 Prozent der Online-Shops akzeptieren Twint.
Was Twint von internationalen Lösungen unterscheidet: Es ist eine nationale Lösung, getragen von den großen Schweizer Banken und der Postfinance. Nutzer können ihr bestehendes Bankkonto direkt verknüpfen, es braucht keine zusätzliche Kreditkarte oder externe Dienste. Das schafft Vertrauen. Zudem funktioniert Twint überall gleich – vom SBB-Ticket über das Parkticket bis zur Zahlung im Restaurant. Diese Einheitlichkeit fehlt Deutschland.
Von Parken bis ÖPNV: Twint im Alltag
Die Stärke von Twint liegt in der Vielseitigkeit. Allein 77 Millionen Transaktionen entfielen 2024 auf Mobilität und öffentlichen Verkehr. Besonders clever: Wer mit Twint einen Parkplatz bezahlt und früher wegfährt als geplant, bekommt die überschüssige Zeit automatisch zurückerstattet. Das sparte Schweizer Autofahrern im letzten Jahr insgesamt 11 Millionen Franken.
Auch Vereine und gemeinnützige Organisationen profitieren. Über 40.000 Vereine nutzen Twint für Spenden, Mitgliedsbeiträge oder Veranstaltungen. In Deutschland müsste man dafür mehrere verschiedene Systeme kombinieren – wenn überhaupt eine digitale Lösung verfügbar ist. Die Integration in den Alltag macht den Unterschied: Wer einmal mit Twint bezahlt hat, will nicht mehr zurück zu Bargeld oder komplizierten Zahlungsprozessen.
Breite Akzeptanz schafft Vertrauen
Die Vielseitigkeit von Twint zeigt sich in der breiten Akzeptanz: Von der SBB über Migros bis zu Online-Plattformen nutzen 84 Prozent der Schweizer Online-Shops die App. Diese flächendeckende Verbreitung schafft Vertrauen – auch in regulierten Bereichen. Schweizer, die beispielsweise bei lizenzierten Anbietern mit Twint einzahlen möchten, profitieren von derselben Sicherheitsinfrastruktur wie beim Einkauf im Supermarkt: Direkte Bankanbindung, sofortige Transaktionsbestätigung, keine Kreditkartendaten auf Drittservern.
Diese Normalität digitaler Zahlungen – egal ob für den Parkschein, die Zugfahrkarte oder Online-Dienste – fehlt in Deutschland. Hier dominieren noch internationale Player wie PayPal (67 Prozent Nutzung bei Online-Zahlungen) oder fragmentierte Lösungen wie das inzwischen eingestellte giropay. Eine nationale Mobile-Payment-Lösung, die alle Banken vereint und vom Bäcker bis zur Behörde funktioniert? In Deutschland Zukunftsmusik, in der Schweiz seit Jahren Alltag.
Warum Deutschland keine eigene Lösung hat
Die Gründe für Deutschlands Rückstand sind vielfältig. Zum einen fehlt die Koordination zwischen den Banken. Während die Schweizer Finanzinstitute gemeinsam in Twint investierten, konkurrierten deutsche Banken lange mit eigenen Lösungen. Paydirekt, später als giropay relauncht, sollte die deutsche Antwort auf PayPal werden – und wurde 2024 eingestellt. Zu wenige Händler akzeptierten es, zu wenige Nutzer installierten es.
Zum anderen ist die Bargeld-Mentalität in Deutschland stärker verwurzelt. Die Bundesbank-Studie zeigt: Zwei Drittel der Deutschen möchten auch in 15 Jahren noch mit Bargeld zahlen können. Diese kulturelle Präferenz bremst die Akzeptanz digitaler Lösungen. In der Schweiz sieht man das pragmatischer: Bargeld bleibt verfügbar, aber die Mehrheit hat sich längst für die bequemere digitale Variante entschieden.
Was Deutschland von der Schweiz lernen kann
Der Vergleich zeigt: Technologie allein reicht nicht. Es braucht koordinierte Infrastruktur, breite Akzeptanz und eine einheitliche Lösung. Die Schweiz hat mit Twint bewiesen, dass nationale Zahlungssysteme funktionieren können – sogar besser als internationale Alternativen, weil sie auf lokale Bedürfnisse zugeschnitten sind.
Für Deutschland bedeutet das: Entweder die Banken finden endlich zusammen und schaffen eine gemeinsame Plattform, oder internationale Player wie Apple Pay und Google Pay dominieren den Markt vollständig. Mit Wero gibt es seit 2024 einen neuen Anlauf für ein europäisches Zahlungssystem. Ob es gelingt, hängt davon ab, ob man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Die Schweiz jedenfalls zeigt, wie es gehen kann.
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